Ein Hotelier will seine Küche erneuern. Eine Spedition will ihre Flotte elektrisch fahren lassen. Beide haben einen Plan, beide wollen investieren. Was fehlt, ist der Anschluss ans Stromnetz. Also passiert: nichts.
„Wer dann nicht die nötigen Netzkapazitäten hat, verzichtet erst einmal auf diese Investitionen, stellt sie zurück“, sagt Monika Scherf. Die Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen (IHKN) beschreibt im Gespräch mit Agenda Niedersachsen ein Problem, das gerade im Land der Windräder paradox wirkt. Niedersachsen erzeugt sehr viel Strom. Doch er kommt nicht immer dort an, wo Betriebe ihn brauchen.
Seit einigen Monaten können Unternehmen ihre Netzanschluss-Probleme über ein Meldeportal der IHKN schildern. Die Rückmeldungen sind vielfältig. Kleine Hoteliers melden sich ebenso wie Logistikbetriebe, die keinen Anschluss für Ladeinfrastruktur bekommen. Auch große Energieprojekte kommen nicht in Gang, weil Netzanschlüsse fehlen. Scherf spricht von Meldungen, in denen es auch um Investitionen im dreistelligen Millionenbereich geht. „Das ist schon gravierend“, sagt sie.
Die Folgen reichen über den einzelnen Betrieb hinaus. „Wir sehen eine Zurückhaltung bei Investitionen“, sagt Scherf. Sie befürchtet, dass die betroffenen Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. „Mit der Folge, dass dann Unternehmen auch den Standort Niedersachsen oder den Standort Deutschland verlassen.“
Dabei verlangt die Politik von der Wirtschaft das Gegenteil von Stillstand. Betriebe sollen ihre Produktion dekarbonisieren und mehr erneuerbare Energie nutzen. Der Emissionshandel setzt dafür den Anreiz, die Zertifikate werden teurer. Scherf sieht hier einen Widerspruch: Richtig wäre es ihrer Meinung nach, Unternehmen die Möglichkeit zu bieten, ihre Produktionsprozesse CO2-frei zu gestalten. „Und genau das schaffen wir jetzt gerade nicht.“
„Come to where the power is“
Im Norden wirbt man gern mit einem Slogan um neue Betriebe. „Come to where the power is“, zitiert Scherf. Der Satz stimmt – und greift doch zu kurz. „Ja, wir haben viel Strom, aber wir können ihn nicht passend zur Verfügung stellen.“
Ihr Lösungsansatz: das System als Ganzes denken. Strombedarf, Stromproduktion und Netze sollen zusammen geplant werden, abgestimmt mit den Netzbetreibern. „Im Übrigen gehören dazu auch die Speichertechnologien“, sagt Scherf. „Wir dürfen nicht alles isoliert planen und umsetzen oder versuchen umzusetzen, sondern wir müssen das Gesamtpaket sehen.“
Betroffene Unternehmen könnten auch den Standort Niedersachsen oder den Standort Deutschland verlassen.“
Monika Scherf
Dazu gehört für sie eine klare Rangfolge. „Wir müssen dann auch priorisieren, welche Strombedarfe am dringendsten und am wichtigsten sind.“ Danach müssten die Netze entsprechend wachsen. Einen zweiten Hebel sieht Scherf in Direktlieferverträgen. Wer Strom erzeugt, soll ihn direkt an den Abnehmer liefern können. „Wenn wir das hinbekommen, wären wir schon einen Schritt weiter.“ Das Hauptproblem bleibe aber der passende Netzausbau.
Entscheidungen stehen an
Der November ist nun die heiße Phase der Energiepolitik. Ende November entscheidet der Bundestag über EEG und Netzpaket, am 11. November beginnt die Energieministerkonferenz in Göttingen, den Vorsitz hat Niedersachsens Energieminister Christian Meyer.
Was müssen Minister und Abgeordnete nun auf dem Zettel haben? Scherf antwortet ohne Umschweife: „Das ist das Thema Netzausbau.“ Ihr Appell: „Hier müssen wir wirklich abgestimmter vorgehen und benötigen ein Konzept, wie wir den Netzausbau gestalten, wie wir priorisieren und vielleicht auch, dass wir Direktlieferverträge vermehrt ins Gespräch bringen.“
Für den Hotelier und die Spedition wäre das mehr als eine Formel. Es wäre die Chance, ihre Pläne aus der Schublade zu holen.