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„Es muss auch heute oder morgen Nacht funktionieren“

veröffentlicht am 04.11.2026

„Wir sagen immer so charmant Drehscheibe“, sagt Oberst Thomas Geßner. „Das klingt irgendwie ein bisschen smarter, aber es ist nichts anderes als ein Aufmarschgebiet in alle Richtungen.“ Der Kommandeur des Landeskommandos Bremen redet nicht drum herum. Im Ernstfall würden Truppen und Material durch Deutschland rollen. Dann gehe es nicht nur um Soldaten, sagt er, sondern auch um Gefallene und Verwundete.

Bei der Veranstaltung „Bauen für die Seehäfen“ der Bauindustrie Niedersachsen-Bremen in Bremerhaven gab Geßner eine Lageeinschätzung. Seine Botschaft an Bauwirtschaft, Planer und Politik: Der Nordwesten ist aus militärischer Sicht „Schlüsselgelände“. Daraus erwächst Verantwortung für die ganze Region.

Geßner beginnt mit einer nüchternen Einordnung. „Deutschland ist Hauptgegner für Russland“, sagt er. Gemeint sei die russische Führung, nicht die Menschen in Russland. Moskau spreche offen von Krieg, während Deutschland mit dem Wort zögere. „Das haben wir uns nicht ausgesucht.“

Zugleich warnt er vor Alarmismus. Nicht jede Drohne lasse sich gleich Russland zuordnen. Man müsse die Nerven behalten. Doch russische Schiffe kartierten die deutsche Infrastruktur sehr genau, berichtet er. Bei den russischen Streitkräften sieht er derzeit kein Entgegenkommen. „Militärisch schon gar nicht. Im Gegenteil.“ Das Ringen um die baltischen Staaten sei auch kein regionales Thema. Es gehe um Atlantik, Mittelmeer, Satelliten und Unterseekabel. „Das ist global.“

"Jahreszahlen schrecken niemanden ab": Oberst Thomas Geßner im TV-Interview in Bremerhaven / Foto: BI Nds.-HB

Die Pläne für den Ernstfall gibt es. Der Operationsplan Deutschland werde ständig verfeinert. „Das ist kein Hexenwerk“, sagt Geßner. Es sei fleißige Arbeit.

Für Bremerhaven hat der Bund viel Geld eingeplant. Bis zu 1,35 Milliarden Euro sollen bis 2031 in den Ausbau zum „Deployment Hub Bremerhaven 2031“ fließen. Geßner hält trotzdem wenig von Zieljahren. „Das Abschrecken in Jahreszahlen hilft nicht.“ Eine Verlegung von Truppen könne auch kurzfristig anstehen – bei einer Übung oder als Signal an den Gegner. Dann vielleicht nur in kleineren Paketen.

Für die Seehäfen heißt das: „Es muss klappen, es muss funktionieren.“ Auch wenn noch nicht alles gebaut ist. „Es muss auch heute oder auch schon morgen Nacht funktionieren.“ Notfalls weniger elegant und etwas chaotischer.

Geßner warnte in seiner Rede in Bremerhaven vor Alarmismus. Man müsse die Nerven behalten. / Foto: BI Nds-HB

Militärisches Denken sei immer Denken in Optionen, erklärt Geßner. Er empfiehlt den Blick mit den Augen des Gegners: Welche Straße, welche Schiene legt eine ganze Region lahm, wenn sie ausfällt? Diese Analyse könne helfen, Baumaßnahmen zu priorisieren.

Einen weiteren Punkt unterstreicht Geßner besonders: Dual Use, bei dem Häfen, Straßen und Schienen zivil wie militärisch genutzt werden, muss „zünden.“ Im Ernstfall geht es auch um zivile Unternehmen und Infrastruktur. Das Militär solle die Wirtschaft aber nicht verdrängen, sondern sich mit ihr abstimmen. Die Versorgung der Bevölkerung, der Wettbewerb der Unternehmen und der Zugang für die Streitkräfte seien gleich wichtig.

Dual Use sei dabei auch eine Frage der Akzeptanz. Geßner rechnet damit, dass die Debatte über die Milliarden für die Verteidigung kommt – spätestens nach einem „hässlichen Friedensvertrag“. Seine Hoffnung: dass äußere Sicherheit nicht gegen Reformen im Inneren ausgespielt wird. Die Investitionen sollen beidem dienen, aber auf Dauer hoffentlich vor allem Handel und Versorgungssicherheit.