Sigmar Gabriel sagt diesen Satz am Ende seines Auftritts in Wolfsburg. Ein Zuhörer hat gefragt, was man gegen das Gefühl der Machtlosigkeit tun kann. „Wir sind zu kompliziert“, antwortet Gabriel. Der frühere SPD-Vorsitzende und Bundesaußenminister antwortet mit Selbstkritik, denn er war jahrzehntelang Teil des Betriebs.
Die etablierte Politik sei viel zu kompliziert geworden und verspreche zu viel. Koalitionsverträge hätten 150 Seiten. Dass alle, die sie unterschreiben, sie auch gelesen haben, bestreitet er. Gabriel Botschaft beim Landesverbandstag des Dachdeckerhandwerks Niedersachsen-Bremen in Wolfsburg: Die Welt wird unübersichtlicher, Deutschland gerät unter Druck. Und vieles davon ist hausgemacht.
Gabriel beginnt in Venedig. Heute sei die Stadt im Grunde ein Museum. Über Jahrhunderte war sie das wichtigste Zentrum Europas – wirtschaftlich, politisch, militärisch. Später wanderte der Handel vom Mittelmeer über den Atlantik nach Amerika. Der Atlantik, die Achse zwischen Europa und Nordamerika, wurde für rund 600 Jahre zum Drehpunkt der Welt.
Jetzt, sagt Gabriel, passiere Europa, was den Venezianern passiert sei. Die Achse verschiebt sich erneut – in den Indopazifik. Dort leben zwei Drittel der Menschheit. Dort entstehen zwei Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung.
Amerika schaut nach Asien
Die USA hätten das früh erkannt. Schon unter George W. Bush begannen sie, sich als pazifische Nation zu verstehen. Barack Obama sprach von der Hinwendung nach Asien. Der Rückzug aus Europa sei Strategie, nicht Laune. Der große Herausforderer heiße China. „Amerika wird nie wieder so sein, wie es einmal war“, erklärt Gabriel in Wolfsburg, einer Stadt, in der das Bröckeln der alten Weltordnung wirtschaftlich spürbar ist.
Gabriel macht außenpolitisch in seiner Rede einen weiten Bogen. Russlands Überfall auf die Ukraine sieht Gabriel als Folge dieser Verschiebung, nicht als ihren Beginn. Putin habe die Chance gewittert, wieder Großmacht zu werden. Verliere die Ukraine, gehe es weiter. „Man kann in Europa mit Panzern Grenzen verschieben, und das wird dann weitergehen.“ Wer die Ukraine stütze, schütze sich selbst. Zugleich will Gabriel jede Gesprächschance nutzen. Er sagt: „Wir haben nichts zu verlieren.“
Die Fesseln, die wir uns selbst anlegen
Deutschland gehört mit gut 80 Millionen Einwohnern zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Gabriel nennt die Gründe: fleißige Menschen, Innovation, Investitionen, gute Ausbildung. Doch das Land fessele sich selbst – mit Bürokratie und zu hohen Energiepreisen. Der Ersatz einer Brücke in Leverkusen dauert zehn Jahre. Bei Stuttgart 21 prüften Gutachter neun Monate lang, ob Eidechsen deutsch oder italienische Einwanderer sind. Und das geplante Ende des Verbrenners hält er für einen Fehler: „Kein Land der Erde würde seinen wichtigsten Industriezweig so demolieren wie wir Deutschen.“
Gabriel nennt auch Auswege. Er lobt Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen: Beide Länder wollen Berichtspflichten für Unternehmen zu einem Stichtag abschaffen. Bleiben soll nur, was jemand begründen kann. Für Genehmigungen schlägt er eine klare Frist vor, etwa beim Antrag für eine Windenergieanlage: Die Behörde darf einmal binnen sechs Wochen Unterlagen nachfordern und hat dann noch einmal sechs Wochen Zeit. Ist nach zwölf Wochen nicht entschieden, gilt der Antrag als genehmigt.
Kein Land der Erde würde seinen wichtigsten Industriezweig so demolieren wie wir Deutschen.
Sigmar Gabriel
Auch am Ende seiner Rede, als die Gäste dem ehemaligen Außenminister Fragen stellen können, wird Gabriel noch einmal deutlich. Beim Thema Rente vermisst er die Bodenhaftung. Wer entscheide, könne sich eine Durchschnittsrente von 1.300 Euro kaum vorstellen. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren verteidigt er: „Es gab nie eine Rente mit 63.“ Er wünscht sich „ein bisschen Empathie und Leidenschaft in der Politik“.
Sein Schlussappell gilt dem Zusammenhalt. Die Eltern und Großeltern hätten es schwerer gehabt. Sie schafften es in einer Generation von Auschwitz bis Brüssel und Straßburg – vom Krieg zur Freundschaft. „Das zeigt, was man schaffen kann, wenn man es mal wirklich will.“