Deutschland gibt für Forschung und Entwicklung so viel aus wie die USA. Gemessen an der Wirtschaftsleistung jedenfalls. Was dabei herauskommt, ist eine andere Frage. Denn der Output spiegelt die Investition nicht wider, meint Lars Alt. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Region Braunschweig (AGV) sieht darin die blinde Stelle der aktuellen Wirtschaftsdebatte.
Alt sprach vor mehr als 350 Gästen aus der regionalen Wirtschaft beim Unternehmertag seines Verbands in Braunschweig. Und er widersprach einer bequemen Erzählung. Viele glaubten, ein paar Reformen würden genügen und die Krise sei vorbei. Er hält das für zu kurz gedacht. Deutschland habe „nicht nur ein Strukturproblem, sondern auch ein Innovationsproblem“.
Der Vorschlag des Verbandschefs: neue Kennziffern für Innovationserfolg. Zählen soll etwa, wie viele Firmen aus Forschungseinrichtungen ausgegründet werden – und wie viele Arbeitsplätze sie schaffen. Für die Region sieht Alt gute Voraussetzungen. „Unser Startkapital ist dafür in unserer Region herausragend. Wir müssen es nur stärker nutzen.“
Innovation ist nirgendwo so gefordert wie in der Nachfolge.
Dina Reit
Wie Wandel im Mittelstand aussehen kann, zeigte Dina Reit auf der Bühne in Braunschweig. Sie stieg 2019 in das Familienunternehmen SK Laser ein und führt es heute als geschäftsführende Gesellschafterin. Für sie ist der Generationswechsel eine große Chance. „Innovation ist nirgendwo so gefordert wie in der Nachfolge“, sagte sie.
Reit hat den Betrieb Schritt für Schritt umgebaut. Den Vertrieb hat sie neu gedacht. Mit kurzen Videos aus dem Betrieb erreicht sie auf LinkedIn mehr als 65.000 Follower. Rund die Hälfte der neuen Geschäftskontakte kommt nach ihren Angaben über soziale Medien. Dafür sank die Zahl der Messeauftritte von 13 im Jahr 2019 auf drei in diesem Jahr.
Den Preiskampf mit China nimmt sie nicht an. SK Laser setzt auf hoch spezialisierte Lösungen, etwa Mikrobearbeitung mit Pikosekundenlasern. „Den Standard baut China. Wir bauen, was es von der Stange nicht gibt“, sagte Reit. Ihre Begründung: „Wir bestehen nur durch technische Exzellenz, weil wir im Preiskampf nicht konkurrieren können.“ Ihr Appell an die 350 Gäste im Saal: „Wir müssen nicht darauf warten, dass jemand anderes uns verändert.“
Janna Ensthaler, Seriengründerin, Investorin und bekannt aus „Die Höhle der Löwen“, lobte in ihrer Keynote die Braunschweiger Region. Fleiß, Verlässlichkeit und Innovationskraft erinnerten sie an eine Art „norddeutsches Schwabenland“. Zugleich forderte sie mehr Entschlossenheit und mehr Tempo bei unternehmerischen Entscheidungen. In den USA fließe Kapital für neue Ideen schneller, Ideen würden konsequenter umgesetzt. Deutschland müsse progressiver denken und ins Handeln kommen.
Wie Künstliche Intelligenz im Mittelstand ankommt, zeigten Stimmen aus der Region, darunter Jana Schendel von i3systems. Sie warb dafür, alte IT-Systeme nicht immer weiter zu flicken. Die Unternehmen sollten nicht „bestehende Insellösungen, Datensilos und wartungsintensive Strukturen immer wieder reparieren“. Die Zukunft liege in offenen Plattformen, vernetzten Daten und integrierte KI-Funktionen, um Prozesse zu verbessern. Ihr Appell an den Mittelstand: „Fangt klein an – aber fangt an!“ Denn die Erfahrungen von heute könnten zum Wettbewerbsvorteil von morgen werden.
Luca Block, früher Autohändler in Braunschweig, heute Berater mit rund einer Million Followern, erklärte beim sogenannten U-Tag, wie KI die Kundensuche verändert. Immer mehr Menschen fragten ChatGPT statt Google. Für Unternehmen reiche ein guter Platz bei Google deshalb nicht mehr. Sie müssten auch in den Antworten der KI auftauchen.
Dafür zählten gut gebaute Webseiten, Antworten auf häufige Fragen, Kundenbewertungen und glaubwürdige Quellen. Block rät, Führungskräfte und Beschäftigte auf LinkedIn sichtbar zu machen. Sein Credo: „Starten und Machen!“
Ein Appell, der auch für den gesamten U-Tag des Arbeitgeberverbands gelten könnte.