„Hannover hat überhaupt kein Problem mit Potenzial." Mit diesem Satz bringt Hanna Schunke, Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren Hannover, die Stimmung beim „Grünen Wirtschaftsempfang“ in Hannover auf den Punkt. Ihr Befund: Die niedersächsische Landeshauptstadt sei bei Hochschulen, Forschung, Industrie, Mittelstand und Startups gut aufgestellt. Woran es mitunter fehle, sei Sichtbarkeit. Ihr Appell: weniger darüber reden, was fehlt, und mehr darüber, welches Potenzial bereits da ist – und wer bereit ist, Verantwortung für die künftige Gestaltung zu übernehmen.
Mit dem Grünen Wirtschaftsempfang haben die Grünen ein weiteres Mal versucht, das politische Vorfeld in einem Bereich einzuladen, das nicht immer sofort mit ihrer Partei in Zusammenhang gebracht wird. Und auch diese Veranstaltung ist ein großer Erfolg. Man sieht bei der Hero Software GmbH am Stichkanal Hannover-Linden viele Gesichter aus der lokalen Wirtschaft, die politisch nicht zwingend den Grünen zugeordnet werden können. Das Interesse ist groß.
Zu Gast ist diesmal unter anderem Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir, der am Vorabend noch beim Konzert der „Toten Hosen“ auf dem Messegelände in Hannover gefeiert hat. Oberbüenergergermeister Belit Onay, der grüne OB-Kandidat, begrüßt ihn entsprechend launig als Beweis für den „partytauglichen" Ruf der Landeshauptstadt.
Beim Thema Bürokratieabbau wird Özdemir konkret: Bis Ende 2027 sollen in Baden-Württemberg sämtliche Berichts-, Dokumentations- und Aufbewahrungspflichten ersatzlos gestrichen werden – sofern sie nicht durch Bund oder EU vorgegeben sind. Sein Motto dafür: „Kill your Darlings". Denn an manchen Berichtspflichten seien die Grünen schließlich nicht ganz unschuldig.
Wichtig ist Özdemir auch eine andere Verwaltungskultur. Es müsse Vertrauen geschenkt werden, damit Ermessensspielräume genutzt würden. „Das können wir nur verändern, wenn wir die Führungskultur ändern“, so Özdemir im Gespräch mit Agenda Niedersachsen. Die Führung - bis hinauf zu Ministerpräsident und dem Kanzler - müsse ihren Mitarbeitenden erkennbar den Rücken stärken.
Diese veränderte Fehlerkultur, so Özdemir weiter, müsse auch im Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern ankommen. Als Bild wählte er den Apfel vom Nachbargrundstück: Wenn der auf das eigene Grundstück fällt, sollte man deswegen nicht gleich vor Gericht ziehen, sondern erst das Gespräch suchen – frei nach dem Prinzip, Konflikte zunächst „von Mensch zu Mensch" zu klären, bevor Instanzen bemüht werden. „Wir brauchen einen tiefgreifenden Wandel, damit das Land wieder nach vorne kommt“, sagt Özdemir.
Onay: Der bürokratische Würgegriff muss gelockert werden
Bereits zu Beginn der Veranstaltung hatte Belit Onay das Thema Bürokratie angesprochen. Auch wenn die Wirtschaft in Hannover breit aufgestellt und dadurch ziemlich resilient sei, brauche es weiterhin Anstrengungen auf kommunaler Ebene. „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen", so Onay. Unternehmen bräuchten einen Vertrauensvorschuss statt eines grundsätzlichen Misstrauensansatzes. Der „bürokratische Würgegriff", in dem sich Verwaltung und Wirtschaft an vielen Stellen befänden, müsse gelockert werden.
Wichtig ist Onay die fortschreitende Digitalisierung, die auch einen spürbaren Nutzen für Unternehmen entfalte. Er plädierte zudem für eine engere Zusammenarbeit von Wirtschafts- und Bauverwaltung, um schnellere Genehmigungen und klar zuständige Ansprechpersonen für Unternehmen zu ermöglichen.
Wir brauchen einen tiefgreifenden Wandel, damit das Land wieder nach vorne kommt.
Cem Özdemir
Sinja Münzberg, grüne Kandidatin für das Amt der Regionspräsidentin, verweist auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Region durch die Energiewende. Es gehe um „einen wahnsinnigen wirtschaftlichen Impact für die Region“. Allein in der Region Hannover gebe es einer unabhängigen Studie zufolge ein Wertschöpfungspotenzial von fast zehn Milliarden Euro. Zudem könnten etwa 4000 Arbeitsplätze erhalten oder neu geschaffen werden. Durch die Energiewende kämen Einnahmen in Millionenhöhe in die Kommunen, die dort zum Beispiel für soziale Infrastruktur, Bildung und Betreuung genutzt werden könnten.
Zu Gast sind auch Michael Kessler, Mitgründer und Geschäftsführer der Gastgeberfirma Hero Software, sowie Stavros Christidis, Betriebsratsvorsitzender von Volkswagen Nutzfahrzeuge Hannover. Kessler appelliert an die Politik, den Aufbau von Rechenzentren in Deutschland auf der Agenda zu behalten, damit Wertschöpfung im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz vor Ort bleibe.
Auch wenn Kessler bei den großen Sprachmodellen für Deutschland und Europa keine realistische Chance mehr sieht, das Feld noch anzuführen, so bleibe doch die Frage, mit welcher Software-Infrastruktur und in welchen Rechenzentren mit welchem Modell künftige KI-Aufgaben berechnet würden. Hier gebe es noch große Potenziale.
Bei VW geht es nicht mehr um die Meisterschaft, sondern gegen den Abstieg
Über einen Kulturwechsel spricht an diesem Sonntag auch Stavros Christidis – er sieht ihn allerdings vor allem in den Führungsetagen. Statt gemeinsamer Lösung gehe es dort jetzt vor allem darum, Standorte zu schließen. Das geschlossene Audi-Werk in Brüssel habe die Situation für Audi kein bisschen verbessert. Die Probleme seien vielmehr strategischer Natur.
Vielleicht hätten die Arbeitnehmer in den „superfetten Jahren“ auch verpasst, die Forderungen realistischer zu halten, übt er Selbstkritik. „Aber wir haben uns auch eine Riege von Managern erzogen, die im Grunde nur um die Meisterschaft gespielt haben. Jetzt merken wir aber: Wir müssen schauen, dass wir nicht absteigen. Jetzt sind andere Themen wichtig: Zusammenhalten, Menschen motivieren, Vorbild sein“, so Christidis.
Industrie werde schrumpfen, das sei klar. Aber man müsse eben innovativer sein. Mit Blick auf China spricht Christidis von einer gefährlichen Entwicklung. Denn vielen Menschen werde gerade versucht, deutlich zu machen, dass weniger Demokratie zu mehr wirtschaftlichem Erfolg führen werde. „Das macht die AfD, aber zu großen Teilen auch die CDU.“
Eine gewagte These des VW-Betriebsratschefs, der die CDU hier mit der AfD in einen Topf wirft. Widerspruch erntet er auf der Bühne oder im Publikum dafür nicht. Für einen solchen Fauxpas in Bezug auf die CDU gibt es bei einem „Grünen Wirtschaftsempfang“ dann vielleicht doch nicht genügend Fingerspitzengefühl.