Die Hochschulen in Niedersachsen haben Probleme, ingenieurwissenschaftliche Professuren nachzubesetzen. Das geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Christian Frölich hervor. Zum Stichtag 1. Oktober 2025 waren bei den abgefragten Hochschulen 80 Stellen nicht besetzt. Diese Zahl wird sich inzwischen allerdings individuell an den einzelnen Hochschulen verändert haben.
Die Ingenieurkammer Niedersachsen wertet die Zahlen als alarmierend. „Das ist ein strukturelles Problem", sagt Hauptgeschäftsführer Stephan von Friedrichs. „Jede fehlende Professur bedeutet: Lehrveranstaltungen fallen aus, Vertiefungen entfallen, Absolventinnen und Absolventen fehlen dem Markt. Der Nachwuchs bei Ingenieurinnen und Ingenieuren wird dringend benötigt."
Zum 1. Oktober vergangenen Jahres meldete die TU Braunschweig noch 20 unbesetzte Ingenieurprofessuren. Dies war damals die höchste Zahl aller niedersächsischen Hochschulen. Inzwischen sind nach Angaben der Universität noch weniger als zehn Ingenieurprofessuren in laufenden Berufungsverfahren, davon fünf im Maschinenbau. Die Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth melde im Herbst vergangenen Jahres 13 Vakanzen, darunter acht im Bauingenieurwesen. Die HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen meldete zwölf unbesetzte ingenieurwissenschaftliche Professuren, die Hochschule Osnabrück sieben.
Hinzu kommt: Berufungsverfahren dauern teilweise lange. An der Jade Hochschule lag die durchschnittliche Verfahrensdauer im Bauingenieurwesen zum Abfragezeitpunkt bei 19 Monaten, an der Hochschule Osnabrück im Schnitt bei 20 Monaten, an der HAWK in Ausnahmefällen bei bis zu drei Jahren. Vergleichsweise schnell ist die Universität Hannover: Im Bauingenieurwesen dauerten Berufungsverfahren dort zwischen 2020 und 2024 im Schnitt 10,3 Monate. Die TU Braunschweig meldet aktuell einen Durchschnitt von 10,6 Monaten.
Jede fehlende Professur bedeutet: Lehrveranstaltungen fallen aus, Vertiefungen entfallen, Absolventinnen und Absolventen fehlen dem Markt.
Stephan von Friedrichs
Die Ingenieurkammer Niedersachsen fordert grundsätzliche Reformen: Bei der anstehenden Novelle des Niedersächsischen Hochschulgesetzes (NHG) müsse das Berufungsrecht modernisiert werden. „Der Zeitraum bis zu einer Berufung muss stark verkürzt werden. So kann es nicht weitergehen", so von Friedrichs. Zudem brauche es eine Verpflichtung für Hochschulen, bei absehbar altersbedingt frei werdenden Ingenieurprofessuren frühzeitig Nachbesetzungsverfahren einzuleiten.
Die Landesregierung verweist ihrerseits auf die geplante NHG-Novelle: Hochschulen sollen künftig grundsätzlich das Berufungsrecht übertragen bekommen, verbunden mit einem verbindlichen Qualitätssicherungskonzept und der Möglichkeit, bei erheblichen Verzögerungen eine Berufung durch das Präsidium zu erleichtern. Ergänzend fördert das Land gemeinsam mit der VolkswagenStiftung über das Programm „Niedersachsen-Professuren" die Gewinnung internationaler Spitzenkräfte und profilgebender Forschungspersönlichkeiten.