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Vergaberecht: Es geht nicht um die Vergabeform, sondern um unsere Mentalität

veröffentlicht am 08.09.2026

Wenn es um Tempo beim Bauen geht, gerät schnell das Vergaberecht in die Kritik: zu kompliziert, zu langsam, zu bürokratisch. Werner Weigl, Vergabeexperte und Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, widerspricht dieser Lesart deutlich – und lenkt den Blick auf ein unbequemeres Thema: die eigene Haltung der Baubranche.

Die Debatte ist bekannt, gerade auch im Zusammenhang mit dem Sondervermögen und dem Ziel, Bauprojekte schneller umzusetzen: Das Vergaberecht sei zu komplex, alles dauere zu lange. Werner Weigl, selbst Unternehmer mit einer Ingenieurgesellschaft mit über 100 Mitarbeitenden und Vergabeexperte, sieht das grundlegend anders. Sein Befund: Nicht das Regelwerk bremst die Branche aus – es ist der Umgang mit ihm.

Werner Weigl beim Sommerfest der Ingenieurkammer Niedersachsen in Hannover / Foto: AN

Am Rande einer Veranstaltung der Ingenieurkammer Niedersachsen erklärt Weigl im Gespräch mit Agenda Niedersachsen, in der losweisen Vergabe steuerten Auftraggeber ihre Prozesse anders als bei der Vergabe an Generalplaner oder Totalunternehmer. Bei letzterer sei man gezwungen, im Planungs- und Entscheidungsprozess besonders konsequent vorzugehen – schlicht um teure Nachforderungen im Nachhinein zu vermeiden.

Würde dieselbe Konsequenz auch bei der losweisen Vergabe an den Tag gelegt, so seine These, bräuchte es einen Großteil der Zuschläge an Totalunternehmer gar nicht erst. Der eigentliche Engpass liege demnach nicht im Verfahren selbst, sondern darin, wie diszipliniert es angewendet wird.

Für Weigl ist damit klar: Die intensiv geführte Debatte über schnellere Vergabeverfahren müsste eigentlich eine andere sein – eine über das Mindset beim Bauen. Der Bauprozess werde in vielen Fällen zu statisch gedacht. Statt bestehende Verfahren konsequent und dynamisch zu nutzen, weiche man auf die Totalunternehmervergabe aus, um Prozesse abzukürzen.

Mit derselben Konsequenz, die eine Totalunternehmervergabe erfordert, ließe sich vieles auch im bestehenden Rahmen der losweisen Vergabe lösen – ohne den Umweg über zusätzliche Vergabestufen.

Bequemer Weg versus Kulturwandel

Weigl räumt ein, dass ein Wechsel im eigenen Denken schwerer zu erreichen ist als eine kurzfristige strukturelle Lösung über Totalunternehmer. Ein über Jahrzehnte gewachsenes Verhalten zu ändern, sei kein schneller Prozess. Doch er warnt vor den Kosten dieses bequemeren Wegs: Durch die verstärkte Bündelung von Aufträgen würden Marktteilnehmer ausgeschlossen, die bei einer klassischen losweisen Vergabe weiterhin im Wettbewerb stünden.

Ein scheinbarer Widerspruch treibt die Diskussion weiter an: Bei der Totalunternehmervergabe scheinen die Aufgaben klar – auf der einen Seite die freiberuflich tätigen Ingenieure und Architekten, auf der anderen der Totalunternehmer, der alles regelt. Doch Weigl relativiert dieses Bild. Auch als Totalunternehmer bleibe man auf Ingenieurleistungen angewiesen, trage aber zusätzlich die volle Verantwortung dafür, dass am Ende alle Gewerke koordiniert zusammenlaufen. Aus seiner unternehmerischen Praxis in allen Vergabemodellen weiß er: Einfacher wird es dadurch nicht zwingend - und billiger auch nicht.