„Ich neige immer dazu, zu lange zu reden. Es ist nicht uninteressant, aber ich neige dazu“, warnt Monika Thomas das Publikum vor und nimmt es gleich zu Beginn für sich ein. Bis auf den letzten Platz ist das „Symposium zur Förderung der Baukultur“ der Architektenkammer Niedersachsen belegt. „Einfacher, schneller, günstiger? Der Wert guter Planung am Scheideweg“, lautet das Thema. Denn es werden zehntausende Wohnungen benötigt, und gleichzeitig ist die Zeit knapp. Haben die baukulturellen Werte das Nachsehen? Wer eine Wohnung sucht, beginnt schnell am System zu zweifeln und hat häufig keinen Sinn für Schönheit und Baukultur.
Die Architektin Monika Thomas ist Präsidentin der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Sie war in ihrer Karriere unter anderem Staatsrätin der Behörde für Stadtentwicklung in Hamburg und Ministerialdirektorin im Bundesinnenministerium. Ihr ist wichtig, das Thema des Symposiums auch in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu stellen.
„Wir haben große ökonomische und demokratische Unsicherheiten“, stellt Thomas fest. Wissenschaftler stellten die Frage, ob wir am Ende einer Expansion des Wohlfahrtstaates stünden. Dazu passe die Diskussion über einfacheres und kostengünstigeres Bauen sehr gut. „Denn wenn wir am Ende einer Modernisierung sind, und damit auch nicht mehr alles als technisch lösbar gilt und Wachstum generell einkalkuliert ist, dann geht in einer Gesellschaft auch der Innovationsgeist zurück. Das schadet dann auch der Gesellschaft, und damit sollten wir uns intensiv befassen.“
Thomas sieht die aktuelle Tendenz in den Diskussionen kritisch: „Es hat sich so eine Saturiertheit breit gemacht. Wir sind gut versorgt, aber wir müssen wieder lernen, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir mit Situationen umgehen, wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen.“ In dieser aktuellen Lage sei auch eine Unsicherheit in der Bevölkerung zu beobachten, die staatliches Agieren noch einmal herausfordernder gestalte.
Gleichzeitig seien beim Wohnungsbau die Baukosten viel zu hoch. Die Grenze für einen wirtschaftlichen Neubau sei erreicht. Diese Herausforderung gehe auch noch mit einem enormen demografischen Wandel, einer veränderten Altersstruktur, der nötigen Klimaneutralität und Ressourcenoptimierung einher. „Das bedeutet: Die Reform von Normen ist unumgänglich. Wir müssen entschlacken, nachjustieren, Neues ermöglichen.“
Thomas mahnt dabei zugleich eine neue wissenschaftliche Evaluationskultur an. Denn: „Wir dürfen nicht von neuem in dieses Überflussdesaster kommen.“ Die Architekten seien dabei in einer guten Position. „Wenn wir fachlich gut argumentieren, dass es bestimmte Regeln nicht braucht, besteht aktuell die beste Situation, diese abzubauen.“
Wir dürfen nicht von neuem in dieses Überflussdesaster kommen.
Monika Thomas
Bevor man über Normen spricht, muss man Thomas zufolge aber zunächst einmal über Werte reden. Normen seien schließlich die Garantie dafür, dass Werte eingehalten würden. Es b rauche aber eben – siehe wissenschaftliche Evaluationskultur - ein System geben, in der automatisch Normen auch wieder infrage gestellt würden, um sie veränderten Werten anzupassen. Davon sind wir heute weit entfernt. Die DIN-Normen bezeichnete Thomas als „Normenspektakel“. Es sei ein Regelwerk, welches auch aus einer bestimmten Interessenskultur stamme.
Kritik an der Bundesbauministerin
Werte müssten eben immer wieder neu ausgehandelt werden. Mit der Brechstange gehe es nicht, sagt Thomas und kritisierte damit Bundesbauministerin Verena Hubertz, die den Bauturbo als „Brechstange im Baurecht“ bezeichnet hatte. Die Brechstange sei „ein Affront gegenüber unserer Profession und der Bauwirtschaft“, kritisierte Thomas. Das sei unfair angesichts des Bemühens, immer eine gute Arbeit abzuliefern.
Monika Thomas sieht trotz all der Herausforderungen aktuell auch eine große Chance für die Baukultur und verglich die Zeit mit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Freie, neue situative Denkräume böten große Möglichkeiten. „Schneller, günstiger, einfacher bauen – das war doch damals auch die Zeit in den 1920ern. Auch damals hätten alle überlegt, wie man einfacher und zugleich baukulturell hochwertig bauen könne. „Vielleicht sind wir in der Zeit, in der das heute wieder passiert. Und das ist doch eine Verlockung, wenn wir über Baukultur sprechen“, sagte Thomas.
Sie vermutet, dass die Phase der Digitalisierung, der Disruption und Transformation auch die Einstellung der Menschen ändern wird. „Wir werden vielleicht in ein Zeitalter kommen, in dem wir nicht mehr dem neuesten Kühlschrank, dem neuesten Automodell hinterherlaufen. Das Wachstum wird zumindest in bestimmten Bereichen schrumpfen.“ Die veränderte Haltung könnte wieder zu mehr Akzeptanz von einfacheren Lösungen führen. Und das werde dann auch die Baukultur verändern.