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Landrat Prietz: Redispatch-Debatte ist „eine sehr populistische Debatte"

veröffentlicht am 13.07.2026

Drei Euro im Monat. Mehr kostet die Energiewende einen Vier-Personen-Haushalt durch Redispatch-Maßnahmen nicht – wenn man die oft zitierten Zahlen genau auseinandernimmt. Das rechnet Marco Prietz (CDU), Landrat des Landkreises Rotenburg (Wümme), beim #TarmsTalk des Landesverbands Erneuerbare Energien Niedersachsen/Bremen auf der Tarmstedter Ausstellung vor.

Prietz nimmt dabei direkt Bezug auf eine der zentralen Streitfragen der Energiewende: die Kosten des sogenannten Redispatch, also der kurzfristigen Steuerung von Kraftwerken und Anlagen zur Netzstabilisierung. „Das ist eine sehr populistische Debatte", stellt der Landrat in Tarmstedt klar. Häufig genannt würden drei Milliarden Euro Redispatch-Kosten – diese entstünden aber überwiegend durch konventionelle, fossile Energieträger, nicht durch die Erneuerbaren.

Selbst wenn man unterstelle, dass rund eine Milliarde Euro jährlich auf die erneuerbaren Energien entfielen, ergebe sich bei 84 Millionen Einwohnern eine Mehrbelastung von etwa zehn Euro pro Kopf und Jahr. „Und in einem vierköpfigen Haushalt wären das umgerechnet auf den Monat drei Euro", so Prietz. Diese Kosten seien zudem vorübergehend für die Phase der Transformation. „Ist das nicht eine Größenordnung, die man als Gesellschaft dann auch mal für ein paar Jahre aushalten muss?", fragt Prietz.

Der Landrat plädiert zugleich dafür, Strom verstärkt dort zu verbrauchen, wo er erzeugt wird: Je mehr Energie vor Ort genutzt und intelligent gespeichert werde, desto stärker würden die Netze entlastet.

Ausländische Konzernmütter bremsen Investitionen

In Tarmstedt beschreibt Prietz zudem ein Problem, das er in Betriebsbesuchen in seinem Landkreis immer wieder erlebt: Unternehmen mit ausländischen, oft US-amerikanischen Eigentümern verfügten zwar über konkrete Machbarkeitsstudien für den Ausbau von Photovoltaik auf eigenen Hallen- und Lagerflächen – mit Amortisationszeiten von sechs bis sieben Jahren. Umgesetzt werde davon jedoch nichts. „Weil die Zentrale in den USA sagt, am Standort Deutschland geben wir nur noch dann Geld, wenn wir einen Return on Invest in zwei, zweieinhalb Jahren haben", berichtet Prietz. Alle anderen Investitionen seien angehalten.

Marco Prietz (2.v.l.) im Gespräch auf der Tarmstedter Ausstellung / Foto: AN


„Das ist gerade ein Riesenproblem für den Standort Deutschland", so der Landrat. Kapital werde in großem Umfang aus Deutschland abgezogen und andernorts investiert – aufgrund der zu hohen Energie- und Arbeitskosten sowie im internationalen Vergleich hohen Krankenstände.

Mit Blick auf die niedersächsischen Kommunalwahlen im September sieht Prietz hier eine konkrete Aufgabe für künftige Kreistage und Verwaltungsspitzen: gemeinsam mit Energieerzeugern und Netzbetreibern Anreize zu schaffen, damit aus technisch und betriebswirtschaftlich sinnvollen Vorhaben tatsächlich Investitionen werden.

Zweitstärkster Biolandkreis: Wertschöpfung vor Ort

Für seinen eigenen Landkreis zieht Prietz eine positive Bilanz der Energiewende, zumal sich dieser in der Wertschöpfung für die Gemeinden auszahle – durch Pachtzahlungen, Gewerbesteuereinnahmen bei länger laufenden Anlagen sowie der neu eingeführten Akzeptanzabgabe. Gerade angesichts der „verheerenden Finanzsituation" vieler Landkreise und Gemeinden seien steigende Einnahmen dringend nötig – die Erneuerbaren könnten hier einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Kommunalfinanzen leisten.

Auch bei Arbeitsplätzen sieht Prietz Potenzial: durch Tiefbau und Wegebau beim Anlagenbau ebenso wie durch verbesserte Standortchancen für energieintensive Unternehmen oder Rechenzentren in der Nähe von Netzverknüpfungspunkten.

Henne-Ei-Problem bei der Wärmewende

Bei der Wärmewende sieht der Landrat dagegen ein strukturelles Problem. Zwar hätten Biogasanlagen in einzelnen Orten bereits kommunale Einrichtungen wie Schwimmbäder und Turnhallen mit Wärme versorgt, und Gemeinden mit eigenen Wärmekonzepten hätten spätestens seit der Zuspitzung des Ukraine-Kriegs 2022 davon profitiert. Beim Aufbau neuer Wärmenetze gebe es jedoch ein "Henne-Ei-Problem": Für Investitionen in Millionenhöhe brauche es eine ausreichende Zahl an Vertragsabschlüssen, während Haushalte erst anschließen wollten, wenn die Kosten klar seien. Hinzu komme rechtliche Unsicherheit – auch durch das novellierte Gebäudeenergiegesetz. Viele eigentlich sinnvolle Investitionen in kommunale Wärmeversorgung seien deshalb bislang ausgeblieben.