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Rekordbeschäftigung bei den Erneuerbaren – doch aus Berlin droht neue Verunsicherung

veröffentlicht am 09.07.2026

Die entscheidende Zahl zu Beginn: 436.300. So viele Beschäftigte bringen die erneuerbaren Energien in Deutschland aktuell in Arbeit – das sind so viele wie nie zuvor.

Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Jana Fingerhut und Roman Wink haben die Zahlen zusammengetragen. Und es sind wilde Kurven nach oben und nach unten im letzten Vierteljahrhundert, die man zumeist in einen direkten Zusammenhang mit politischen Entscheidungen stellen kann. Die Branche braucht Planungssicherheit, sagt auch deshalb Jana Fingerhut im Agenda Niedersachsen-Podcast.

Jana Fingerhut von der Bertelsmann Stiftung beim Podcast im Haus der Medien / Foto: AN

Gerade weil zum Beispiel Windenergieprojekte über zwanzig Jahre geplant würden, brauche es verlässliche Rahmenbedingungen, so Fingerhut: „Wenn wir immer ein Stop-and-Go in der Gesetzgebung haben, dann wird es schwierig für die Planung der Investoren.“ Genau davor warnt angesichts der Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gerade die Branche.

Im Moment steht die Planung still. Nach heutigem Stand bekommt man für Projekte ohne die EEG-Absicherung keine Finanzierung von der Bank, sagt Bärbel Heidebroek, Vorsitzendes des Landesverbands Erneuerbare Energien im Gespräch mit dem „Focus“.

Ausgerechnet das Bundeswirtschaftsministerium riskiert in einer wirtschaftlich fragilen Lage ein Ausbremsen bei Arbeitsplätzen im Bereich der erneuerbaren Energien. Dabei müsste man aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Fingerhut erläutert im Podcast die Kurven in einzelnen Sparten.

Beispiel Wärmepumpenbranche: Wurden 2023 noch 400.000 Wärmepumpen im Wert von 1,2 Milliarden Euro in Deutschland produziert, brach die Produktion im Zuge der Debatte um das Heizungsgesetz auf 162.000 Geräte ein – viele Eigentümer installierten aus Verunsicherung sogar neue Gasheizungen. 20.000 Jobs fehlten plötzlich im Laufe eines Jahres. Mit dem nun diskutierten Gebäudeenergiegesetz sieht Fingerhut erneut Unsicherheit aufziehen.

Beispiel Solarbranche: 2011 arbeiteten rund 156.000 Menschen in dem Bereich, bevor eine EEG-Novelle die Förderung um 30 Prozent kürzte – parallel dazu baute China mit staatlicher Rückendeckung massive Überkapazitäten auf. 2018 war die Beschäftigung auf 42.000 gefallen, heute liegt sie bei 88.000. Allerdings hat sich die Struktur verändert: Statt Produktion dominieren heute Installation, Betrieb und Wartung – die Fertigung von Solarmodulen findet in Deutschland praktisch nicht mehr statt.

Ein zentrales Risiko sieht Fingerhut im Verlust von Fachkompetenzen. Nach dem Solarbruch um das Jahr 2011 seien viele Beschäftigte nicht innerhalb der Branche vermittelt worden, sondern etwa in die Logistik oder den Dienstleistungssektor abgewandert – meist zu schlechteren Bedingungen. Einmal verlorenes Know-how lasse sich nur schwer zurückgewinnen.

Netzausbau als unterschätzter Jobmotor

Ein Aspekt, der in der politischen Debatte laut Fingerhut zu kurz kommt: Auch der vieldiskutierte Netzausbau selbst schafft Arbeitsplätze. Das ist in den 436.300 genannten Stellen aber noch gar nicht enthalten, da die Studie ausschließlich Erneuerbare-Energien-Technik erfasst. Online-Stellenanzeigen im Bereich Energieinfrastruktur haben sich demnach von rund einem Prozent aller ausgeschriebenen Stellen in Deutschland (2019) auf 2,1 Prozent (2025) mehr als verdoppelt. Dass Netzausbau und erneuerbare Energien in der politischen Diskussion gegeneinander ausgespielt werden, hält Fingerhut deshalb auch für falsch: Beides gehöre zusammengedacht.

Wenn wir immer ein Stop-and-Go in der Gesetzgebung haben, dann wird es schwierig für die Planung der Investoren.

Jana Fingerhut

Ein weiterer Vorteil der erneuerbaren Energien liege in der regionalen Wertschöpfung: Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums beziffert diese auf 5,5 Milliarden Euro – Einnahmen, die über Pacht, Gewerbesteuer und Beschäftigung direkt vor Ort in den Kommunen ankommen.

Aktuell arbeitet die Bertelsmann Stiftung daran, die Zahlen auf Ebene der Bundesländer zu berechnen. Die letzten Zahlen für Niedersachsen stammen aus dem Jahr 2021. Demnach arbeiteten damals 57.500 Menschen in Niedersachsen im Bereich erneuerbare Energien – rechnerisch fast jede sechste bundesweite Stelle, deutlich mehr als der Bevölkerungsanteil erwarten ließe. Rund 60 Prozent davon entfielen auf die Windenergie an Land und auf See.

Bliebe die Gesetzgebung stabil, rechnet Fingerhut mit weiter steigenden Beschäftigtenzahlen bis 2030. Schon jetzt beobachtet sie jedoch erste Zurückhaltung: Ein Windprojektierer habe wegen der Unsicherheit um den Redispatchvorbehalt bereits Personal abgebaut beziehungsweise Neueinstellungen gestoppt. Das Fazit von Fingerhut und Moderator Martin Brüning: „Wir fahren gerade auf Sicht.“

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