Wasser sei zu einer Zukunftsfrage geworden, sagt Stephan von Friedrichs, Hauptgeschäftsführer der Ingenieurkammer Niedersachsen, zu Beginn des Wassertags 2026. Knapp 200 Expertinnen und Experten haben sich im HCC in Hannover versammelt, passend zum Inhalt im „Blauen Saal“.
Von Friedrichs verweist auf Beispiele wie Trockenperioden, sinkende Grundwasserstände und plötzliche lokale Hochwasserlagen. 135 Liter pro Kopf pro Tag verbrauchten die Niedersachsen, mehr als der Bundesdurchschnitt. Rechnet man den Konsum noch hinzu, wie man es für die Herstellung von Lebensmitteln, Kleidung oder Strom benötigt, verbrauchen die Deutschen sogar 7200 Liter pro Tag pro Kopf, 48 Badewannen pro Tag.
„Wir Ingenieure und Architekten sind gefordert und haben eine große Verantwortung“, erklärt Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen. Seine Kammer hat zusammen mit der Architektenkammer den Wassertag organisiert. Wasser müsse als kostbares Gut behandelt werden, dazu gehöre auch sogenanntes Grauwasser, das erneut genutzt werden müsse, so Betzler.
Eigentlich hat die niedersächsische Landesregierung einen „Masterplan Wasser“ auf ihrer To do-Liste. Fertig ist das Konzept aber nicht, zumal es ohnehin kein statischer Plan wird. Er müsse ständig den Entwicklungen angepasst werden, berichtet Uta Schöneberg, Leiterin der Abteilung Wasserwirtschaft m niedersächsischen Umweltministerium.
Eher auf Skepsis im Publikum stößt die Ministeriums-Idee der regionalen Wasserbeiräte, in denen sich Interessenvertreter vor Ort austauschen sollen. Bisher gibt es landesweit auch nur einen einzigen. Schöneberg ist aber überzeugt: „Beim Thema Wasser muss auf der regionalen Ebene intensiv zusammengearbeitet werden.“
Der Blick auf die vergangenen Jahre mache die Veränderungen deutlich. 2018 bis 2020 habe es erhebliche Trockenjahre gegeben, in den Folgejahren wechselten sich Trockenperioden, Starkregen und Hochwasser ab, so Schöneberg. „Wir müssen mit den verschiedenen Facetten umgehen. Die Niederschläge steigen in Häufigkeit und Intensität, aber auch der Wassermangel und sinkende Grundwasserstände sind Realität. Die Flüsse führen weniger Wasser.“
In Bezug auf Hochwasserereignisse lautet das Credo von Sebastian Niehüser, Professor an der Hochschule 21: „Es ist nie zu spät, Vorsorge zu betreiben.“ Man muss es sich nur selbst klarmachen und: sich an die Gefahr und die nötige Vorsorge erinnern.
Dagegen steht allerdings die „Hochwasserdemenz“, ein psychologisches Phänomen. Denn das eigene Risikobewusstsein steigt nur direkt nach einem Ereignis deutlich an und sinkt danach schnell wieder. Als Beispiel nennt Niehüser die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021. Schon nach ein bis zwei Jahren hätten wieder andere Themen im Fokus gestanden.
„Wir müssen ein Risikobewusstsein schaffen und die Bevölkerung handlungsfähig machen“, so Niehüser. Denn ein 100-jähriges Ereignis muss eben nicht alle 100 Jahre auftreten, es kann auch drei Jahre lang in Folge auftreten. Deshalb müsse Eigenvorsorge gefördert und die Grenzen des technischen Hochwasserschutzes vermittelt werden. „Wir können nicht den Eindruck erwecken, dass unsere Maßnahmen immer einen hundertprozentigen Schutz ermöglichen“, sagt der Ingenieur.
Keine neuen Gebäude in Überschwemmungsgebieten
Wichtig ist dem Experten auch eine bessere Aufklärung mit mehr Visualisierung der Gefahren. In einer Karte könne man nachlesen, dass die Fließgeschwindigkeit bei einem Meter pro Sekunde liegt. „Was soll man sich darunter vorstellen?“, fragt Niehüser. Es sei inzwischen viel leichter möglich, die Gefahren zum Beispiel in einem Video darzustellen.
Für überholt hält der Professor der Hochschule in Buxtehude auch, dass Gebäude nach einem Hochwasser immer wieder an derselben Stelle neu aufgebaut werden. Versicherungen zahlen oft auch nur, wenn an derselben Stelle wieder gebaut wird und niemand wolle auf diese Geldsummen verzichten. Das führt aber auch dazu, dass zum Beispiel im Ahrtal wieder Gebäude in Gebieten entstehen, die als Überschwemmungsgebiet deklariert sind. Mit diesem Weiter-so müsse Schluss sein, fordert Niehüser.