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Joschka Fischer in Hildesheim: „Dieser Nationalismus geht mir auf den Keks"

veröffentlicht am 14.06.2026

Joschka Fischer hatte sich nie vorstellen können, diese Positionen einmal öffentlich zu vertreten, wie er sagt: Der frühere Bundesaußenminister und Grünen-Politiker sprach auf Einladung der Universität Hildesheim in der Liebfrauenkirche über Aufrüstung, Wehrpflicht und die sicherheitspolitische Lage Deutschlands.

Deutschland müsse in den „sauren Apfel des Selbstschutzes beißen", Europa müsse sich selbst militärisch schützen können, und wer die AfD wähle, befeuere eine Renationalisierung, die Fischer mit klaren Worten ablehnte: „Dieser Nationalismus geht mir auf den Keks!"

Gemeinsam mit dem Volkswirt Joachim Algermissen, dem Historiker Michael Gehler und der Kultur- und Geschichtswissenschaftlerin Sanne Ziethen diskutierte Fischer in Hildesheim eine aktuelle Lage, die er als historische Zäsur bewertet.

Joachim Algermissen, Sanne Ziethen, Joschka Fischer und Michael Gehler in der Liebfrauenkirche in Hildesheim / Foto: Algermissen

Für Fischer hat sich mit US-Präsident Donald Trump eine grundlegende Gewissheit aufgelöst: das amerikanische Schutzversprechen gegenüber Europa. „Für mich war es selbstverständlich – bei aller Kritik der USA –, dass das Schutzversprechen wie auch der Einfluss in voller Kontinuität erhalten bleibt." Mit Trump sei nun zweimal jemand gewählt worden, der sich von dieser Schutzverpflichtung verabschieden werde. Das stelle für Deutschland und Europa eine enorme Herausforderung dar – und erfordere andere Prioritäten. „Wir werden nicht alles finanzieren können – Sicherheit, Strukturwandel, neue Technologien. Wie soll das gehen?"

Mit 18 war ich anders als mit 78. Mit 18 hast Du komische Gedanken im Kopf, die in der Konfrontation mit der Realität nicht aufrechtzuerhalten waren.

Joschka Fischer

Trotz seiner politischen Sozialisation im Schatten der deutschen Kriegsschuld sieht Fischer keine Alternative zu mehr Eigenverantwortung in der Sicherheitspolitik. Seine Generation sei durch die Verfehlungen Deutschlands im Zweiten Weltkrieg geprägt worden – und dennoch müsse man sich jetzt um die Verteidigungsfähigkeit kümmern. „Wenn wir uns nicht kümmern, wird sich niemand mehr um uns kümmern." Deutschland sei erwachsen geworden. „Erwachsen sein heißt, sich der Realität zu stellen.“

Die Herausforderungen seien dabei nicht allein militärischer Natur. Fischer betonte, dass Deutschland seine Abhängigkeiten auf breiter Front reduzieren müsse: „Unsere Geheimdienste hängen nahezu zu 100 Prozent von der CIA ab. Das können wir uns künftig nicht mehr erlauben." Auch der technologische Wandel – allen voran die Künstliche Intelligenz – verleihe der gegenwärtigen Lage „eine ganz neue Dimension". Die deutsche Rolle werde sich verändern: „Wir werden mit unserer Geschichte im Gepäck lernen müssen, Führungsaufgaben zu übernehmen." Die entscheidende Frage dabei laute: Können wir wieder führen, ohne zu dominieren?

Wachsender Nationalismus als großes Problem

Als eines der drängendsten Probleme benannte Fischer den wachsenden Nationalismus in Europa. Man könne aus einem Franzosen keinen Deutschen machen und umgekehrt – aber Zusammenhalt sei unerlässlich. Für den Schutz Europas plädierte Fischer für eine engere Kooperation mit den Nuklearmächten Frankreich und Großbritannien: „Das wird diskutiert werden müssen."

Seinen Optimismus richtet Fischer auf die junge Generation. Mit einem Augenzwinkern sagte er: „Ja, es wird demonstriert. Ich war auch mal so." Er sei überzeugt, dass die jungen Menschen im Ernstfall ihre Pflicht wahrnehmen werden – so wie es andere Generationen vor ihnen getan hätten.

Auf die Frage von Joachim Algermissen, was ihn vom Frankfurter Linken zum Bundesaußenminister und bis heute verändert habe, antwortete Fischer trocken: „Mit 18 war ich anders als mit 78. Mit 18 hast Du komische Gedanken im Kopf, die in der Konfrontation mit der Realität nicht aufrechtzuerhalten waren." Verändert habe sich nicht nur er – auch das Land habe sich gewandelt, und daran hätten die Grünen ihren Anteil.

Sein Appell für eine gemeinsame europäische Zukunft fasste Fischer in einem Satz zusammen, der das Publikum mit Applaus bedachte: „Nie wieder allein muss die Devise heißen."