„Die sozialen Medien sind kein Raum für eine gesellschaftlich ausgewogene Diskussion.“ So stellt es Prof. Christian Krebs, Direktor der Niedersächsischen Landesmedienanstalt, unmissverständlich fest. Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook seien in ihrer Umsetzung nicht demokratiefördernd. Der Grund dafür liegt in der Architektur der Netzwerke: Die Algorithmen sind rein auf Aufmerksamkeit und Engagement gebürstet.
Krebs nimmt an einem Panel der Unternehmerverbände Niedersachsen teil, moderiert von Hauptgeschäftsführer Benedikt Hüppe. Die Expertinnen und Experten aus privaten und öffentlich-rechtlichen Medien eint die Sorge einer gesellschaftlichen Entwicklung, die auch mit den Algorithmen der sozialen Medien zusammenhängt.
„Wir fördern negative Informationen, weil diese negativen Informationen wirksam sind für Engagement“, betont Krebs. Empörung, Wut und Hass lassen sich messbar besser vermarkten, während sachliche Informationen systematisch einen Nachteil erleiden.
Der Traum von einst, die sozialen Medien würden zur Agora der neuen Zeit, ein neuer zentraler Versammlungs- und Marktplatz wie im antiken Athen, ist ausgeträumt. Bei Facebook beteiligt sich überhaupt nur noch eine verschwindend geringe Minderheit von 16 Prozent der Nutzer aktiv an Diskussionen – und das meist mit dem Ergebnis, hinterher schlechtere Laune zu haben als zuvor, so Krebs.
Dieser Einschätzung schließt sich Hendrik Lünenborg, Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR), nahtlos an: „Wir wissen, dass der Algorithmus immer nur das Extreme belohnt. Maß und Mitte hat keine Klicks.“ Für die öffentlich-rechtlichen Medien entstehe daraus ein täglicher, schmerzhafter Widerspruch.
Der Journalismus wolle eben keine einfachen Antworten auf komplizierte gesellschaftliche Fragen liefern. Dennoch könne man sich den Plattformen nicht entziehen, da man sonst den Zugang zu ganzen Generationen verliere. Allein die Tagesschau müsse sich täglich mit 50.000 bis 100.000 Rückmeldungen in den Kommentarspalten auseinandersetzen, in denen gezielte Desinformation und Fake News an der Tagesordnung seien.
Neben den gesellschaftlichen Gefahren sorgt vor allem der wirtschaftliche Substanzverlust für Alarmstimmung. Sonja Schwetje, Programmchefin von RTL Nord, weist darauf hin, dass die verlässliche journalistische Infrastruktur vor Ort in Gefahr gerät. Während der Werbemarkt wachse, fließe der Löwenanteil zu den großen internationalen Tech-Plattformen. „Die investieren nicht so wie wir als private Medienunternehmen in den Medienstandort, sondern die greifen die Inhalte ab, monetarisieren sie, und dann fließt nichts zurück“, kritisiert Schwetje.
Harald Gehrung, Geschäftsführer der ffn-Mediengruppe, schildert die dramatische Lage der privaten Sender. Er spricht vom "freien Fall". Die Erlöse im Werbemarkt brechen ein, da die Budgets der regionalen Kunden immer häufiger ins Netz abwandern. "Aber die Instagram-Kohle fließt an die US-Westküste, das TikTok-Geld nach China. Deshalb müssen wir etwas unternehmen. Die Digitalabgabe muss kommen, wir können sie ja 'Digital-Soli' nennen", schlägt er vor.
Maß und Mitte hat keine Klicks
Hendrik Lünenborg
Als konkreter Lösungsansatz wird in der Branche über finanzielle Ausgleichsmodelle nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten diskutiert. In Österreich existiert beispielsweise eine Digitalabgabe. Dort zahlen internationale Plattformkonzerne fünf Prozent des Wertes geschalteter Werbung an den Staat, womit Vielfaltsaspekte gefördert werden. NDR-Intendant Lünenborg fordert eine offene politische Debatte darüber, warum eine solche Abgabe nicht auch in Deutschland gelinge, um die publizistische Vielfalt langfristig zu sichern.
Mehr Nachrichtenkompetenz in den Schulen
Um die Gesellschaft widerstandsfähiger gegen die Flut an Desinformationen zu machen, fordert RTL-Nord-Chefin Schwetje zudem eine deutliche Verstärkung der Anstrengungen in der Bildung. Es reiche nicht aus, wenn Medienhäuser unter Einsatz knapper eigener Ressourcen volontierende Journalisten an Schulen schicken, um die Mechanismen sauberer Recherche zu erklären.
Die Vermittlung von Nachrichten- und Informationskompetenz müsse dringend ressort- und bundesländerübergreifend in den schulischen Lehrplänen verankert werden. Wenn man bedenke, was angesichts von hybriden Bedrohungen verteidigungs- und sicherheitspolitisch auf dem Spiel stehe, dürfe die Politik sich nicht mit bürokratischen Vertröstungen begnügen.