Wer morgens deutsche Zeitungen lese, könnte glauben, das Rennen sei bereits gelaufen: Die Amerikaner hätten das Geld, die Chinesen die Daten – und Europa hinke hinterher. So sagt es Philipp Rösler, ehemalige Vize-Kanzler an diesem Abend im Alten Rathaus in Hannover. Friedrich Naumann-Stiftung und die europäische Fraktion Renew Europe haben eingeladen, um die Zukunft der Künstlichen Intelligenz in Europa zu diskutieren. Rösler ist überzeugt: Es ist noch nicht zu spät. Europa hält im globalen KI-Wettbewerb noch echte Trümpfe in der Hand.
Den entscheidenden Vorteil sieht Rösler im industriellen Mittelstand – einem Fundament, das weder die USA noch China in dieser Form besitzen. Während andere Regionen versuchen, eine digitale Industrie von Grund auf aufzubauen, könne Europa das, was bereits automatisiert und digitalisiert wurde, nun intelligent machen.
„Einen industriellen Mittelstand aufzubauen, der historisch gewachsen ist wie bei uns, ist schwerer, als einem vorhandenen Mittelstand Digitalisierung hinzuzufügen", so Rösler. Der AI-Act der Europäischen Union, oft als Bremsklotz kritisiert, könnte dabei sogar zum Qualitätsmerkmal werden – so wie „Made in Germany" einst vom Stigma zum Gütesiegel wurde.
Es fehlt an Wachstumskapital
KI-Anwendungen aus Europa seien geprüft, verlässlich und vertrauenswürdig. Das sei ein Wettbewerbsvorteil, wenn es darum gehe, sicherheitskritische Industrieprozesse zu optimieren. Was fehle, sei vor allem Wachstumskapital – nicht Gründungsfinanzierung - für Unternehmen, die bewiesen haben, dass sie skalieren können. Hier brauche es öffentlich-private Partnerschaften, ähnlich dem Vorbild des Gründerfonds. Weder die private Wirtschaft alleine noch die europäische Investitionsbank könne solche Summen alleine aufbringen, um auf diesem Feld gegen die USA oder China bestehen zu können.
Dass KI nicht automatisch überall sinnvoll ist, macht KI-Beraterin Sophia Warneke von Digital Healthcare Consulting am Beispiel der Pflegebranche deutlich. Der Einsatz sei hochgradig heterogen: Einige Einrichtungen leisteten echte Pionierarbeit, während viele andere noch mit Insellösungen experimentierten – oder Projekte wieder aufgäben, sobald die Förderung auslaufe.
Die Angst, dass KI Mitarbeitende ersetzen könnte, trifft für die Pflegebranche eher nicht zu. „Wir reden nahezu gar nicht davon, Mitarbeiter zu ersetzen", betont Warnecke. Es gehe darum, Entlastung dort zu schaffen, wo täglich die größten Belastungen entstehen, und damit die Versorgungsqualität zu sichern. Das Grundproblem: Die Finanzierungsstrukturen im Pflegebereich sind auf KI-Investitionen kaum ausgerichtet. Das Pflegepersonalstärkungsgesetz habe erstmals eine Förderung von bis zu 12.000 Euro ermöglicht – wobei 60 Prozent selbst zu finanzieren seien und das Geld oft schon für die technische Basisinfrastruktur wie WLAN aufgebraucht sei. Von der geplanten Regelung im Pflegeneuordnungsgesetz, die nicht besetzte Stellenanteile für Technologieinvestitionen nutzbar machen soll, verspricht sich Warnecke mehr Nachhaltigkeit.
Wir reden nahezu gar nicht davon, Mitarbeiter zu ersetzen.
Sophia Warneke
Jan-Christoph Oetjen, FDP-Abgeordneter im Europaparlament, brachte die europapolitische Perspektive ein. Der AI-Act sei grundsätzlich richtig – Rechtssicherheit sei ein Wert an sich. Doch Europa sei in Teilen über das Ziel hinausgeschossen. Mit dem sogenannten Omnibus-Paket, also der Aufhebung beziehungsweise Änderung einzelner Gesetze, habe man erste Entbürokratisierungsschritte unternommen, etwa die Herausnahme des Maschinenbaus aus bestimmten Regulierungsbereichen.
Aus FDP-Sicht hätte es aber weitergehen können. Oetjen warnt vor einer Fragmentierung: Wenn einzelne Branchen aus der Regulierung herausgenommen würden, andere aber nicht, entstünden Gewinner und Verlierer – ähnlich wie bei den Debatten um die Energieversorgung.
Die eigentliche Aufgabe Europas sei eine andere: von der KI-Entwicklung in die Skalierung zu kommen. „Wir schaffen es nicht, Unternehmen groß und stark auf der Weltbühne zu machen", so Oetjen. Dafür brauche es Risikokapital, Datenzugang und günstige Energiekosten für den Betrieb von Rechenzentren.
Für Niedersachsen fasst Axel Ebers die Chancen zusammen. „Niedersachsen kann großes KI-Land werden", sagte der Abteilungsleiter Digitalisierung der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) – und untermauert das mit vier Faktoren: starke KI-Talente, hohe Forschungsproduktivität, ein breiter industrieller Datenschatz und tiefes Prozesswissen im Mittelstand.
Das Zukunftsthema sei Physical AI – also KI-Systeme, die mit der realen Welt interagieren, über Sensoren lernen und Produktionsprozesse eigenständig optimieren. In Niedersachsen treffe diese Technologie auf ideale Anwendungsfelder: Automotive, Life Sciences und zunehmend auch Sicherheits- und Dual-Use-Technologien, so der UVN-Experte. Damit das Potenzial gehoben werden könne, brauche es klare Regulierung, konkrete Ansprechpartner für die AI-Act-Umsetzung und Innovationsräume – sogenannte Sandboxes –, in denen Unternehmen neue Lösungen erproben könnten, bevor alle Fragen abschließend geregelt seien.