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Mit mehr Flexibilität gegen den Arbeitskräftemangel

veröffentlicht am 20.05.2026

Manchmal liegen Fußball und Arbeitswelt gar nicht so weit auseinander. Hannover 96 hat am Wochenende den Aufstieg in die 1. Bundesliga verpasst — und muss nun flexibler planen für die kommende Saison. Zwei Tage später trafen sich im Stadion des Vereins rund 160 Vertreterinnen und Vertreter kommunaler Verwaltungen zur KommunalArena. Veranstalter waren der Kommunale Arbeitgeberverband Niedersachsen (KAV) und das Niedersächsische Studieninstitut für kommunale Verwaltung (NSI). Und auch dort ging es unter anderem um mehr Flexibilität in einer Arbeitswelt, die sich radikal verändert.

NSI-Präsident Michael Koop, Hannovers Personaldezernent Lars Baumann und KAV Niedersachsen-Chef Michael Bosse-Arbogast in der KommunalArena / Foto: Markus Prell

KAV-Hauptgeschäftsführer Michael Bosse-Arbogast legte dabei den Finger in die Wunde der Demografie. Deutschland stehe nicht vor einem Fachkräfte-, sondern vor einem grundsätzlichen Arbeitskräftemangel. Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Geburten radikal — und die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt werden in den kommenden Jahren spürbar gravierender.

Bosse-Arbogast verdeutlichte das anhand konkreter Geburtenzahlen: Während 1964, dem stärksten Jahrgang der Bundesrepublik, noch rund 1,35 Millionen Menschen geboren wurden, waren es im Jahrgang 2008 — also denjenigen, die heute als Auszubildende gesucht werden — nur noch rund 790.000. Der Jahrgang 2024 zählt bereits nur noch gut 670.000 Neugeborene. Innerhalb von 60 Jahren hat sich die Zahl der Geburten in Deutschland nahezu halbiert.

Das führt zu einem Doppeleffekt: Während die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre jetzt den Arbeitsmarkt verlassen, rückt eine zahlenmäßig deutlich kleinere Generation nach. Gleichzeitig steigt die Zahl der über 67-Jährigen — von heute 17 Millionen auf geschätzte 20 Millionen bis 2035 — und damit auch der Bedarf an Pflege und sozialen Dienstleistungen.

Drei alte Hebel — und ein neuer

Um dem wachsenden Arbeitskräftemangel zu begegnen, nennt Bosse-Arbogast drei bereits bekannte Ansätze, in denen er Potenzial sieht: die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland, Anreize für ein längeres Verbleiben im Beruf sowie eine stärkere Einbindung von Frauen, die derzeit in Teilzeit arbeiten.

Von rund zehn Millionen erwerbstätigen Frauen in Teilzeit geben 41 Prozent als Grund persönliche oder familiäre Verpflichtungen wie Kindererziehung oder Pflege an — eine Herausforderung, die politisch angegangen werden müsse. Doch die übrigen 59 Prozent, also rund sechs Millionen Frauen, nennen keinen solchen Grund. Der KAV-Chef rechnet vor: Würden diese ihre wöchentliche Arbeitszeit nur um ein Viertel erhöhen, entspräche das rechnerisch 1,5 Millionen zusätzlichen Vollzeitstellen. Das Ziel sei dabei nicht zwingend der Wechsel in eine volle Stelle, betonte Bosse-Arbogast — sondern schlicht eine Verringerung des Teilzeitgrades. Ein Potenzial, das er als enorm und bislang zu wenig erschlossen bezeichnet.

Als vierten, neuen Hebel präsentierte er die seit dem 1. Januar 2026 geltende tarifliche Regelung zur freiwilligen Arbeitszeiterhöhung im kommunalen öffentlichen Dienst.

Die 42-Stunden-Woche: freiwillig, befristet, mit Zuschlag

Die neue Regelung im TVöD basiert auf dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Weder Arbeitgeber noch Beschäftigte sind zur Nutzung verpflichtet. Eine Kommune kann entscheiden, ob und in welchen Bereichen sie das Modell anbietet — und zwar nur dort, wo tatsächlich Bedarf besteht. Gleichzeitig entscheidet der einzelne Beschäftigte selbst, ob er die Mehrarbeit annehmen möchte.

Michael Bosse-Arbogast bei seiner Keynote bei der KommunalArena / Foto: Markus Prell

Vollzeitbeschäftigte können ihre wöchentliche Arbeitszeit damit von regulären 39 auf bis zu 42 Stunden erhöhen. Die Vereinbarung ist auf maximal 18 Monate befristet, kann aber bei beidseitigem Einverständnis verlängert werden. Für die Mehrstunden — sogenannte Erhöhungsstunden — erhalten Beschäftigte einen Zeitzuschlag von bis zu 25 Prozent. Die Zuschläge sind steuer- und sozialversicherungspflichtig und fließen damit auch in die Zusatzversorgung ein.

Win-Win — wenn beide mitspielen

Für Beschäftigte bietet das Modell laut Bosse-Arbogast die Möglichkeit, mehr zu verdienen — im Beruf, den sie kennen und für den sie ausgebildet sind. Wer mehr Geld verdienen wolle, solle dazu lieber eine Stunde länger im eigenen Beruf arbeiten, als abends in der Kneipe zu jobben.

Er wies auch auf steuerliche Rahmenbedingungen hin: Derzeit sind die Zuschläge steuerpflichtig, was ihre Attraktivität für Beschäftigte in höheren Steuerklassen schmälert. Eine Regelung auf Bundesebene, die Mehrstundenzuschläge steuerfrei stellte, wäre aus seiner Sicht eine sinnvolle Ergänzung — ein deutlicher Wink in Richtung Bundesfinanzministerium.

Der Arbeitsmarkt wird enger, die Arbeitswelt muss sich anpassen. Die Botschaft des Hauptgeschäftsführers an die rund 160 Teilnehmenden war unmissverständlich: Die demografische Entwicklung lässt keine Zeit für Abwarten. Wer jetzt Spielraum schafft, hat später mehr Optionen. Auch das kennt man im Fußball.