Die Energiewende ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Sie zeigt sich an der Zapfsäule, auf der Gasrechnung und in den Debatten um Heizungen und Förderprogramme. Genau dort setzte eine Veranstaltung der Ingenieurkammer Niedersachsen an.
Globale Krisen haben unmittelbare Folgen für den Alltag. Das machte Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen bei einer Veranstaltung seiner Kammer und des hannoverschen Energieversorgers enercity deutlich.
Gleichzeitig stellte Betzler vor den 200 Gästen fest, dass im Gebäudesektor deutliche Veränderungen zu beobachten sind. 70 Prozent der Neubauten würden inzwischen mit Wärmepumpen ausgestattet, Öl spiele praktisch keine Rolle mehr. Für Betzler zeigt das: Der Markt verändert sich bereits – zumindest bei den Neubauten. Die eigentliche Herausforderung liege nun im Bestand.
Der Gebäudebestand wird zur Großbaustelle
Wie groß diese Aufgabe ist, beschrieb Energieeffizienzexperte Christian Corde aus Hamburg mit eindringlichen Zahlen. Hamburg wolle bis 2040 klimaneutral werden. Mehr als 80 Prozent der insgesamt 260.000 Gebäude in der Stadt stammen jedoch aus der Zeit vor 1980 – also aus einer Epoche, in der energetische Standards kaum eine Rolle spielten.
„Der Gebäudesektor entscheidet darüber, ob Klimaziele Realität werden oder auf dem Papier bleiben“, sagte Corde. Derzeit liege die Sanierungsquote bei ein bis zwei Prozent pro Jahr. Um die Klimaziele zu erreichen, müssten es sechs bis sieben Prozent sein. Für Hamburg bedeute das konkret: rund 14.000 Gebäude pro Jahr. „60 Gebäude am Tag“, rechnete Corde vor.
Für ihn ist klar: Das eigentliche Problem ist nicht die Technik. „Wärmepumpen gibt es. Dämmstoffe gibt es. Technische Konzepte gibt es. Es fehlt die Struktur.“
Corde warb dafür, energetische Sanierung nicht länger als Sammlung einzelner Maßnahmen zu verstehen. Eine neue Heizung allein reiche nicht aus. „Die Dekarbonisierung des Gebäudesektors beginnt bei der Gebäudehülle“, sagte er.
Unsanierte Gebäude führten bei Wärmepumpen häufig zu hohen Vorlauftemperaturen, steigenden Betriebskosten und geringer Akzeptanz. Deshalb müsse zuerst der Energiebedarf sinken – etwa durch bessere Dämmung, neue Fenster oder reduzierte Wärmeverluste.
Zugleich warnte Corde davor, die Aufgabe zu unterschätzen. Viele Eigentümer seien orientierungslos. Genau deshalb verändere sich die Rolle der Energieberatung grundlegend. „Der Energieberater wird zunehmend vom Berater zum Strategen und Projektsteuerer.“ Zu den Aufgaben gehörten künftig nicht nur Berechnungen, sondern auch Förderstrategien, Sanierungsfahrpläne, Priorisierung von Investitionen und die Begleitung der Umsetzung.
Hier sieht Kammerpräsident Betzler auch eine wichtige Rolle für die Ingenieure. Für sie sei es angesichts häufiger Veränderungen auch in der Gesetzgebung eine besondere Herausforderung, immer „auf dem neuesten Stand der Zeit zu sein“. Ständige Weiterbildungen seien deshalb erforderlich.
Der Engpass sind die Fachkräfte
Benötigt werden die Fachkräfte allerdings händeringend. Deutschlandweit gebe es derzeit rund 20.000 zertifizierte Energieberater, sagte Corde. Gleichzeitig müssten perspektivisch im ganzen Land 20 Millionen Gebäude energetisch modernisiert werden. „Dann haben wir da ein Riesenloch“, sagt er später in der Diskussion.
Deshalb müsse die Ausbildung deutlich schneller ausgebaut werden. Für Corde ist Energieberatung keine Nische mehr, sondern eine Kernaufgabe von Architekten und Ingenieuren, er spricht von einer „Standarddisziplin“.
In der anschließenden Diskussion wurde jedoch auch deutlich, dass es unterschiedliche Wege zur Klimaneutralität gibt. Ein Teilnehmer verwies auf Studien aus Hamburg und Schleswig-Holstein, die vor einer reinen „erst komplett sanieren, dann Wärmepumpe“-Strategie warnen.
Die ökologische Gesamtbilanz müsse stärker berücksichtigt werden, argumentierte er. Denn auch der Austausch von Bauteilen verursache CO₂. Corde widersprach dem nicht grundsätzlich, blieb aber bei seiner Kernthese: Ohne effiziente Gebäudehülle lasse sich klimaneutrale Wärmeversorgung langfristig kaum wirtschaftlich umsetzen.
Genau darin zeigte sich an diesem Nachmittag die eigentliche Herausforderung der Energiewende im Gebäudesektor: Nicht einfache Lösungen stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich technische, wirtschaftliche und ökologische Anforderungen sinnvoll verbinden lassen.
Für die Ingenieurinnen und Ingenieure im Saal war die Botschaft klar: Die Wärmewende beginnt nicht erst im Heizungsraum – sondern schon bei Planung, Strategie und Ausbildung.