Deutschland hat bei der Digitalisierung Jahrzehnte verloren. Karsten Wildberger, Bundesdigitalminister und ehemaliger Manager, will das nun ändern. Er setzt auf Tempo, klare Verantwortlichkeit und messbare Ergebnisse.
Deutschland hinkt hinterher – noch, muss man hinzusetzen, wenn man Karsten Wildberger beim Tag der Bauindustrie in Berlin zuhört. Er ist am Abend der letzte Redner im Programm. Drei Minister der Bundesregierung haben vor ihm gesprochen. Und doch werden viele Gäste beim Get together später sagen: Wildberger war am eindrucksvollsten.
Wildberger war vor seinem politischen Amt Unternehmensberater und Manager. Und das merkt man an seiner klaren, schonungslosen Analyse und seinem Vorgehen. Er präsentiert dem Publikum eine klare Liste von Vorhaben und agiert wie ein CEO, der klare KPIs (Key Performance Indicators) definiert und sich beständig an diesen messbaren Ergebnissen messen lässt.
Wildberger beklagt "atomisierte Verantwortung"
Zunächst die Analyse: Während die USA und China beim digitalen Wachstum vorangingen, sei Deutschland zu oft nur Kunde statt Produzent, sagt der Digitalminister. Er warnt davor, diesen Zustand als Schicksal hinzunehmen. „Es ist keine Frage einer Legislaturperiode, das ist eine strukturelle Schwäche, die sich über drei Jahrzehnte aufgebaut hat“. Doch durch die Künstliche Intelligenz öffne sich nun ein Fenster, um zur Weltspitze aufzuschließen. Dieses Fenster bleibe jedoch nicht lange offen.
Wildberger sieht zwei Hauptgründe für den jahrelangen digitalen Stillstand. Erstens eine „atomisierte Verantwortung“. Es gebe zwar ganz viele Zuständigkeiten, aber keine klare Verantwortlichkeit. Er fordert mehr „Accountability“, denn ohne diese gebe es keine Ergebnisse.
Zweitens kritisiert er eine „kultivierte Kommentarkultur“. Es werde alles kommentiert, ohne selbst liefern zu müssen. Handelt die Politik schließlich, folgt oft Kritik als Reflex. „Es fühlt sich manchmal an, als hätte Deutschland eine Autoimmunkrankheit entwickelt. Wir richten uns gegen uns selbst“.
Um den Rückstand aufzuholen, müsse man nun ein höheres Tempo vorlegen als gewohnt. Und Wildberger nennt die konkreten Projekte, die gerade angegangen werden. In seiner „Pipeline“ finden sich Vorhaben, die das digitale Rückgrat Deutschlands bilden sollen. Wildberger forciert zum Beispiel den Aufbau einer europäischen Cloud-Infrastruktur, damit sensible Daten nicht länger auf außereuropäischen Servern liegen müssen. Es geht ihm um digitale Souveränität: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Wertschöpfung.
Ein zweiter, technischer Hebel ist die Vereinheitlichung von Datenstandards. Bisher gleichen deutsche Datenbanken oft einem babylonischen Sprachwirrwarr. Wildberger arbeitet daran, dass Systeme endlich dieselbe Sprache sprechen. Nur wenn Daten barrierefrei fließen können, lässt sich KI sinnvoll einsetzen. Für den Minister ist das kein Selbstzweck, sondern die notwendige Basis für wirtschaftliches Wachstum.
Es ist keine Frage einer Legislaturperiode, das ist eine strukturelle Schwäche, die sich über drei Jahrzehnte aufgebaut hat.
Karsten Wildberger
Übergeordnet sieht Wildberger den Bürokratieabbau als das wirksamste Wirtschaftsprogramm. Die Umsetzung sei jedoch noch zäh. Er fordert eine radikale Vereinfachung, auch auf europäischer Ebene in Brüssel.
Die Liste der Aufgaben ist lang, und dennoch ist Deutschlands Digitalminister optimistisch. In den vergangenen zehn Monaten sei bereits viel in den Weg gebracht worden, was in der öffentlichen Debatte oft untergehe. Für Wildberger steht fest: Strukturen entstehen nicht zufällig, sondern durch Planung und konsequente Umsetzung.