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Energiewende in Niedersachsen: Zwischen Aufbruch und Ausbremsen

veröffentlicht am 04.05.2026

Die Diskussion über die Energiewende und die Pläne aus dem Bundeswirtschaftsministerium geht in die nächste Runde. Treiberin der Diskussion ist in Niedersachsen Bärbel Heidebroek, Vorsitzende des Landesverbands Erneuerbare Energien. Schon auf der Hannover Messe hatte sie ihre Kritik an den Plänen von Katherina Reiche erneuert und noch einmal auf den Punkt gebracht.

Bärbel Heidebroek (2. v.r.)  auf einem LEE-Panel auf der Hannover Messe / Foto: AN

In einer Panel-Diskussion in Halle 12 wählte Heidebroek deutliche Worte. Ein Kollege habe angesichts der Pläne aus dem Bundeswirtschaftsministerium von „stiller Sabotage“ gesprochen. Allerdings: „Ich glaube, so still ist die Sabotage gar nicht mehr, sondern es ist ganz klar ein Ausbremsen der Erneuerbaren.“

Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen die aktuellen Pläne zum EEG und zum Netzausbau. Statt den Markt weiter zu öffnen, würden neue Regeln Investitionen erschweren und Anreize zerstören.

„Nicht Pflaster, sondern Ibuprofen“

Besonders plastisch beschreibt Heidebroek ihre Sicht auf das geplante Netzpaket. „Ich glaube, es ist nicht mehr ein Pflaster. Es ist einfach nur Ibuprofen.“ Für sie heißt das: Symptome werden gedämpft, Ursachen bleiben bestehen. Was fehlt, sind strukturelle Lösungen – schnellere Genehmigungen, mehr Digitalisierung und ein Netzausbau, der mit dem Tempo der Erneuerbaren mithält.

Ein zentrales Problem sieht sie auch in der ungleichen Entwicklung zwischen Nord und Süd. Der Markt belohne derzeit vor allem Standorte mit optimalen Bedingungen – zulasten eines ausgewogenen Ausbaus. „Ich bin davon überzeugt, dass wir einen bundesweiten Ausbau von Windenergie brauchen“, sagt Heidebroek. Denn ohne diese Balance drohten steigende Netzkosten und ineffiziente Stromflüsse quer durch die Republik. Die Energiewende würde teurer – und langsamer.

Niedersachsens Umweltminister meldet Fortschritte

Gleichzeitig zeigt ein Blick nach Niedersachsen ein anderes Bild. Umweltminister Christian Meyer (Grüne) sieht das Land weiter auf Kurs: „Unseren Stromverbrauch konnten wir 2025 bilanziell trotz schwachem Windjahr wieder zu rund 100 Prozent aus Erneuerbaren decken“, sagte er in Hannover bei der Vorstellung des Energiewendeberichts 2025.

„Niedersachsen drückt als Energiemotor für heimische, günstige Energien bundesweit die Preise“, sagte Umweltminister Christian Meyer / Foto: LEE

Auch beim Ausbau gibt es demnach Dynamik: 203 neue Windräder mit 1110 Megawatt gingen im vergangenen Jahr ans Netz, Genehmigungen dauern im Schnitt nur noch gut zehn Monate. In Ausschreibungen liegt Niedersachsen laut Meyer vorne – mit besonders günstigen Strompreisen.

Für den Umweltminister ist das ein Signal: Niedersachsen sei ein „Energiemotor“ und drücke bundesweit die Preise.

Doch genau diese Entwicklung sieht die Branche gefährdet. Laut Landesverband Erneuerbare Energien stehen allein in Niedersachsen mehr als 32 Milliarden Euro an Investitionen in erneuerbare Energien auf dem Spiel. Die Kritik des Verbands ist scharf: Förderstopps, neue Eingriffe ins Netzmanagement und Unsicherheiten bei der Regulierung könnten Projekte verhindern und Investoren abschrecken. 

Das sei besonders verwerflich in Zeiten, in denen mühsam um Wirtschaftswachstum gerungen wird. Und in denen die geopolitische Lage eine sichere, unabhängige Energieversorgung relevanter denn je werden lässt. 

Auch Meyer warnt vor einer „fossilen Rolle rückwärts“ und steigenden Kosten für Verbraucherinnen und Verbraucher. Dabei zeigen die Zahlen, dass die Transformation längst läuft. Wärmepumpen sind erstmals das meistverkaufte Heizsystem in Deutschland, in Niedersachsen haben sich die Förderzusagen binnen eines Jahres verdoppelt. Viele Kommunen arbeiten an klimaneutralen Wärmeplänen. Der Ausbau ist sichtbar – gerade in Niedersachsen.

Der Energiewende stehen entscheidende Wochen bevor

Die kommenden Wochen werden zur Richtungsentscheidung. Mit Blick auf die Energieministerkonferenz, die in zweieinhalb Wochen auf Norderney stattfindet, fordert der LEE eine grundlegende Überarbeitung der Bundespläne. „Die Energiewende steht vor wichtigen politischen Weichenstellungen. Wir begrüßen daher ausdrücklich, dass Niedersachsen vorangeht und unsere Forderung nach einem Netzgipfel aufgegriffen hat“, sagt Heidebroek.

In Niedersachsen will man es gemeinsam angehen. Industrie und Verbände haben dabei den Landesumweltminister an der Seite: „Die Bundesministerin handelt gegen den großen Willen der Bevölkerung, die mehrheitlich mehr heimische Erneuerbare will – und nicht weniger“, sagt Meyer. Eine klimaneutrale Zukunft sehe definitiv anders aus als die aktuellen Pläne der CDU-Ministerin.