Das Thema ist von brennender Aktualität. Erst vor Kurzem musste die TU Berlin ihr Hauptgebäude wegen schwerwiegender Schäden schlagartig schließen. 400 Lehrveranstaltungen standen plötzlich ohne Raum da. Ein Schreckensszenario, das zeigt: Infrastruktur ist kein abstraktes Problem, sondern die Basis für Lehre und Forschung.
Kluge Köpfe in Schrottimmobilien?
Jörn P. Makko, Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie Niedersachsen-Bremen, findet bei der Veranstaltung „Bauen für die Wissenschaft“ seines Verbands deutliche Worte. „Wir können kluge Köpfe nicht in Schrottimmobilien ausbilden“, sagt er. Das sei ein Widerspruch in sich. Die Qualität der Gebäude sei ein Standortthema und entscheidend im Wettbewerb um Studenten und Professoren. Makko fordert eine echte Aufbruchstimmung für Niedersachsen. Bisher werde zu wenig über die Wissenschafts-Infrastruktur gesprochen. An diesem Nachmittag wird das geändert - durch die Bauindustrie.
Wissenschaftsminister Falko Mohrs sieht den Staat in der Pflicht. Es gehe darum, in „bricks and brains“ (Steine und Köpfe) zu investieren, der Staat müsse jetzt zeigen, dass er das vorhandene Geld auch in Bauten umsetzen könne.
Lange habe man sich „immer irgendwie durchgemogelt“, so Mohrs. Dadurch hat sich viel aufgestaut: Lag die Schätzung für den Sanierungsstau an Hochschulen im Land im Jahr 2020 noch bei 4,3 Milliarden Euro, liegt man heute – inklusive der Universitätsmedizin – bei über 10 Milliarden Euro, schätzt Mohrs.
Eine der Lösungen sieht der Minister in mehr dezentraler Verantwortung. Hochschulen, die selbst bauen dürfen, sind im Schnitt drei Jahre schneller als das staatliche Baumanagement. „Dezentrale Verantwortung bringt einfach mehr Tempo“, betont Mohrs.
Arend Bewernitz, Senatsbaudirektor in Bremen, macht die Dringlichkeit an der Historie fest. Viele Unis entstanden in den 70er Jahren. Bei einer Lebensdauer von etwa 60 Jahren bedeutet das: „Wir müssen jetzt in die Sanierung gehen.“ Es gehe nun um harte Priorisierung. „Wo ist wirklich Not?“, fragt Bewernitz und gibt zu bedenken, dass auch die Kapazitäten in Planungsbüros und Verwaltungen begrenzt sind.
Effizienz statt Gießkanne
Prof. Dr. Alexander Schmehmann, Präsident der Hochschule Osnabrück, ist selbst Ingenieur und setzt auf Realismus statt auf teure Neubau-Standards. Er sieht Einsparpotenziale von 20 Prozent, wenn Brandschutz und Nachhaltigkeit bei Sanierungen nicht eins zu eins wie bei Neubauten behandelt würden: „Dann wird es unfassbar teuer“, sagt Schmehmann in einer Diskussionsrunde und fordert eine echte Entbürokratisierung. Angesichts des demografischen Wandels müsse man seiner Meinung nach das Geld auch effizienter einsetzen statt mit der Gießkanne zu verteilen.
Dass es schon seit längerer Zeit „fünf vor zwölf“ ist, schildern die Praktiker. Meik Möllers, Meik Möllers, Leiter des Gebäudemanagements an der Universität Oldenburg, erinnert sich an grüne Zehn-Liter-Senfeimer im Foyer, die das vom Dach tropfende Wasser auffingen – eine Situation, die fatal an die Zustände an der TU Berlin erinnert. Auch an der TU Braunschweig regnete es laut Vizepräsident Dietmar Smyrek gerade am Veranstaltungstag im Architekturpavillon hinein.
Die Kanzlerin der Uni Bremen, Frauke Meyer, weist auf ein weiteres Problem hin: das Personal. Im Wettbewerb um die besten Köpfe für das Baumanagement ziehe man gegenüber der freien Wirtschaft oft den Kürzeren. „Ich brauche eigentlich die besten Leute am Markt“, sagt Meyer, aber der Tarifvertrag TV-L sei nicht einmal mit dem TvöD konkurrenzfähig du erst recht nicht mit den Gehältern der privaten Wirtschaft.
Jan Sowa von der Uni Göttingen ergänzt, dass auch die bereits angepassten Vergabevorschriften noch einmal verbessert werden könnten. Halbjährige Verfahren für Planer, nur um Brandschutzthemen anzugehen, seien „unangemessen“.
Die Veranstaltung fand im hannoverschen Leibnizhaus statt, das von der Leibniz Universität Hannover verwaltet wird. Außen Renaissance-Schick, innen 80er-Jahre-Charme. Die Vision für klugen Köpfe der Zukunft wäre vermutlich, dass man weder innen noch außen in die 80er-Jahre zurückgeworfen wird.
Wie das funktionieren kann? Mit schnelleren Verfahren, realistischeren Standards und mutigen Investitionen. Damit Niedersachsen nicht dem Berliner Vorbild folgen muss.