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„Geld kämpft nicht an der Front“

veröffentlicht am 20.04.2026

Die Worte sind nüchtern, der Ton klar. Oberst Thomas Geßner steht vor rund 200 Gästen in Bremen – und wählt bewusst keine politischen Floskeln. Seine Diagnose der aktuellen Sicherheitslage ist eindeutig: „Es ist noch viel schlimmer, als wir bisher dachten.“

Oberst Thomas Geßner bei der Norddeutschen Sicherheitskonferenz der IHK Nord in Bremen / Foto: IHK Nord

Der Kommandeur des Landeskommandos Bremen beschreibt auf der Norddeutschen Sicherheitskonferenz der IHK Nord eine Welt, in der sich alte Gewissheiten längst verschoben haben. Lieferketten sind unsicher geworden, geopolitischer Druck wächst, Konflikte greifen ineinander. Staaten wie Russland oder Iran seien bereit, lange Kriege zu führen.

Auf Russland liegt in Geßners Rede ein klarer Fokus. Denn von dort gehe zunächst „die größte und existenzielle Gefahr“ für Deutschland und seine Bündnispartner aus. Daran würde auch ein mögliches Ende des Ukraine-Krieges nur wenig ändern. Die „Konfrontation, die Ambition und die Drohgebärden Russlands“ blieben erhalten. Russland habe seine Rüstungsproduktion nach wie vor auf Kriegswirtschaft umgestellt und sei trotz des Ukraine-Krieges willens und in der Lage, parallel Kräfte für die Konfrontation mit der NATO aufzubauen.

Im Krieg, auch wenn das martialisch klingt, gibt es keinen zweiten Platz. Deshalb bedeutet Abschreckung auch, gewinnen zu wollen und zu können und nicht nur darüber zu reden.

Oberst Thomas Geßner

Man dürfe das Land keinesfalls unterschätzen. Putins Russland baue sein Angriffspotenzial auf die NATO seit Jahren systematisch aus, die Streitkräfte hätten in den vergangenen Jahren dazugelernt. „Man wird sich nicht noch einmal so blamieren wollen wie beim Angriff auf Kiew und im Krieg im Osten der Ukraine. Das Land würde mit noch mehr und mit kriegserfahrenen Soldaten und Mitteln agieren. Es würde heftig.“

Geßner spricht rund zwanzig Minuten im 475 Jahre alten Haus Schütting am Bremer Marktplatz, dem Sitz der Handelskammer. Während seiner Rede kann man eine Stecknadel im Raum fallen hören, nur die Straßenmusik vor den Fenstern ist leise zu hören. Die Rede zeigt: Man kann zwar immer wieder von einer Zeitenwende sprechen, aber der Begriff hat ganz reale, schmerzhafte Folgen. 

Für den Oberst der Bundeswehr gilt es, sich in dieser Zeitenwende ganz praktisch vorzubereiten. Die nächste Eskalationsstufe kann schneller kommen, als wir denken. Der Kreml könnte seiner Meinung nach an der Ostflanke durchaus einmal testen, ob die NATO ihren Mitgliedern im Angriffsfall wirklich Beistand leistet, das könne auch schon morgen geschehen. „Wenn wir dann in Frage stellen, ob wir wegen der Befreiung einer Kleinstadt irgendwo im Baltikum einen vollumfänglichen Konflikt gegen möglicherweise 1,5 Millionen russische Soldaten riskieren, der dann immer an der Schwelle zu einem möglichen Nuklearkrieg stattfindet, wäre das vermutlich schon die angelegte Niederlage in sich selbst.“


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Bei einer Invasion in NATO-Gebiet würde Deutschland zu einer zentralen Drehscheibe für die Unterstützung der Bündnispartner. „Damit wären logistische Knotenpunkte wie Häfen und generell alle Verkehrsdrehscheiben genauso im Visier des Aggressors wie der Rückhalt unserer Bevölkerung.“ Auch in Deutschland müsse man sich auf großflächige Stromausfälle, zerstörte Wasser- und Fernwärmewerke und blockierte Verkehrswege vorbereiten. Das Gesundheitssystem könne schnell an seine Grenzen stoßen. Es dürfe keinesfalls passieren, dass Deutschland in so einem entscheidenden Moment lahmgelegt wird. Das hätte katastrophale Folgen, Europa würde damit erpressbar.

Resilienz ist für den Landeskommandeur kein abstraktes Wort mehr. Und in einer Politik, die zentrale Fragen gerne in Euro beantwortet, warnt Geßner davor, den Blick allein auf das Geld zu richten – trotz oder gerade wegen der gestiegenen Verteidigungsausgaben. „Geld kämpft nicht an der Front. Dafür braucht man Willen, Gerät, gute Planung, Optionen und vor allem Menschen“, macht er deutlich.

Sprechen auch auf der ersten Norddeutschen Sicherheitskonferenz: Christian Thiels, Abteilungsleiter im Bundesverteidigungsministerium und - zugeschaltet aus Brüssel - die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann / Fotos: IHK Nord

Manche sprechen angesichts der zahlreichen hybriden Angriffe in Europa schon jetzt von einem Krieg. Das will sich Geßner bewusst nicht zu eigen machen. „Da bin ich eher zurückhaltend, aber wir werden täglich attackiert“, stellt er fest.

Den Deutschen gibt er eine klare Mahnung mit auf den Weg: Wer jetzt noch glaube, er könne sich bei einem Angriff auf einen der Bündnispartner bequem im Fernsehsessel zurücklehnen und zuschauen, der werde schmerzhaft eines Besseren belehrt werden. „Der moderne Krieg kennt keine Zuschauer. Alle werden betroffen sein, und zwar erheblich und existentiell. Das Popcorn am Bildschirm wird nicht schmecken.“

Wir haben es zum Teil selbst in der Hand. Grundsätzlich sei unser Bündnis wirtschaftlich und militärisch unschlagbar, meint Geßner. Wichtig sei, sich nicht spalten zu lassen. Der Krieg müsse durch Abschreckung verhindert, denn: „Im Krieg, auch wenn das martialisch klingt, gibt es keinen zweiten Platz. Deshalb bedeutet Abschreckung auch, gewinnen zu wollen und zu können und nicht nur darüber zu reden. Wir müssen dann funktionieren.“