Die Debatte ist laut, emotional und oft personalisiert. US-Präsident Donald Trump dominiert Schlagzeilen, Talkshows und politische Diskussionen. Doch wer nur auf die Inszenierung schaut, verpasst die eigentliche Dynamik. „Wir dürfen nicht den Fehler machen, uns nur an der einen Person abzuarbeiten“, sagt Heiko Herold.
Der Sicherheitsexperte an der Universität Kiel macht auf der ersten Norddeutschen Sicherheitskonferenz der IHK Nord vor fast 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Bremen klar: Politik ist mehr als ein Präsident. Denn hinter der Bühne arbeitet ein Apparat – mit Strategien, Programmen und langfristigen Zielen. „Auf der Arbeitsebene läuft vieles ganz normal weiter“, erklärt Herold, der schon für das US-Generalkonsulat in Hamburg gearbeitet und das Auslandsbüro Shanghai der Konrad-Adenauer-Stiftung gearbeitet hat. Er macht den 200 Gästen in Bremen deutlich: Wer verstehen will, was global geschieht, muss den Blick weiten.
Der eigentliche Fokus ist China
Für Herold ist die Lage eindeutig: „Der Fokus ist China. Am Ende ist das der Kern.“ Was wie eine zugespitzte These klingt, ist für ihn der rote Faden amerikanischer Außenpolitik. Viele Entscheidungen – von Venezuela über Russland bis hin zu wirtschaftlichen Maßnahmen – lassen sich aus dieser Perspektive lesen.
Die USA bereiten sich aus seiner Sicht auf ein mögliches Szenario vor, das lange als unwahrscheinlich galt: einen großen Konflikt mit China. „Man will sich in die bestmögliche Ausgangsstellung bringen“, sagt Herold. Teile des US-Militärs hielten einen solchen Konflikt inzwischen für schwer vermeidbar.
Das Bild des erratischen Präsidenten greift zu kurz. Herold erkennt dahinter ein Muster: maximale Forderungen, Druck aufbauen, Verhandlungen erzwingen. Ob diese Strategie immer aufgeht, ist eine andere Frage. Doch sie erzeugt Bewegung – auch in Europa. „In den letzten 35 bis 40 Jahren hat kein US-Präsident mehr für die Verteidigungsfähigkeit Europas getan“, sagt Herold. Viele Entscheidungen in EU und NATO seien direkte Reaktionen auf amerikanischen Druck.
Besonders alarmierend ist für Herold ein anderer Punkt: das veränderte Verständnis von Krieg. „Aus russischer und chinesischer Sicht gibt es keine Trennung zwischen Krieg und Frieden“, sagt er. Alles sei Teil eines Kontinuums – von wirtschaftlichem Druck über Desinformation bis hin zu militärischen Aktionen. Diese sogenannte hybride Kriegsführung zielt darauf, Gesellschaften zu destabilisieren, ohne eine klare rote Linie zu überschreiten. „Sie testen permanent aus: Wie weit können wir gehen?“
In den letzten 35 bis 40 Jahren hat kein US-Präsident mehr für die Verteidigungsfähigkeit Europas getan.
Heiko Herold
Ein möglicher Konflikt um Taiwan steht für Herold exemplarisch für diese Entwicklung. Dabei müsse es nicht einmal zum klassischen Angriff kommen. „Im besten Fall aus chinesischer Sicht fällt ihnen die Insel in die Hände“, sagt er – durch politischen Druck, Einflussnahme und gesellschaftliche Spaltung. Doch auch militärische Szenarien seien realistisch: Blockaden, schnelle Eskalation, ein Konflikt von wenigen Tagen. „48 Stunden können da entscheidend sein.“
Die Folgen wären global. Lieferketten würden reißen, Märkte erschüttert, ganze Industrien stillstehen.
Abhängigkeit als Risiko
Herold richtet den Blick bewusst nach innen. Europa habe lange von globaler Arbeitsteilung profitiert – und dabei Risiken ausgeblendet. Ein Beispiel seien seltene Erden. „Die sind unerlässlich für unsere Hightech-Industrie“, sagt er. Gleichzeitig sei Europa stark abhängig von China.
Ähnlich bei Medikamenten oder elektronischen Komponenten. „Wir können nicht mehr alles nach Asien auslagern“, warnt Herold. Resilienz werde zur zentralen Aufgabe.
Am Ende plädiert Herold für einen nüchternen Blick. Weniger Empörung, mehr Analyse. „Wir müssen unsere Interessen definieren“, sagt er. Das bedeutet auch, differenziert auf die USA zu schauen: unterstützen, wo es sinnvoll ist – widersprechen, wo es nötig ist.
Vor allem aber dürfe sich Europa nicht spalten lassen. „Wenn wir uns nicht spalten lassen, haben Russland und China keine Chance.“
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