Vor etwa fünf Wochen begannen die USA und Israel mit Angriffen auf den Iran, und schon wenige Tage nach den ersten Raketenbeschüssen stiegen die Energiepreise, zunächst um 16 Prozent. Am 19. März, nach iranischen Vergeltungsangriffen auf Öl- und Gasanlagen in Katar, Saudi-Arabien und Kuwait, durchbrach der Rohöl-Preis die 115-Dollar-Marke. Der Gaspreis am wichtigsten Handelsplatz für Erdgas in Europa schoss um bis zu 35 Prozent hoch, Heizöl verteuerte sich in Deutschland innerhalb von 24 Stunden um 11,5 Prozent, Diesel erreichte den höchsten Stand seit zwei Jahren.
Die Straße von Hormus – 33 Kilometer breit, über die ein Fünftel der globalen Öltransporte laufen – wird einmal mehr zum hochproblematischen Nadelöhr und einer Gefahr für die gesamte Weltwirtschaft. Und wieder, wie schon im Jahr 2022, sitzt Deutschland in der fossilen Falle.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat errechnet: Bei einem Ölpreis von 100 Dollar verliert die deutsche Wirtschaft rund 40 Milliarden Euro, bei 150 Dollar über 80 Milliarden – in nur zwei Jahren. Das ifo Institut rechnet mit einer Inflation von bis zu drei Prozent im Eskalationsszenario und einer Zinserhöhung der EZB um 50 Basispunkte.
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm warnt vor einem „neuen Energieschock“. Die Deutsche Handwerks Zeitung bringt es auf den Punkt: Geopolitische Schocks – Russland 2022, Iran 2026 – sind für fossile Energieträger kein Ausnahmefall, sondern ein strukturelles Risiko.
Wer auf Strom setzt, ist gegen geopolitische Schocks geschützt. Wer bei Gas und Öl bleibt, ist ihnen ausgeliefert.
Das Problem ist nicht der Iran-Krieg. Das Problem ist die Abhängigkeit. Jedes Mal, wenn ein Konflikt eine Meerenge blockiert, ein Autokrat einen Gashahn zudreht oder ein Kartell die Fördermengen drosselt, zahlen deutsche Haushalte und Unternehmen die Rechnung – obwohl direkt vor ihrer Haustür der günstigste Strom erzeugt wird, den die Menschheit je hatte. Wind- und Solarstrom kosten drei bis sechs Cent pro Kilowattstunde. Kein Scheich, kein Krieg und kein Embargo kann diesen Preis verändern.
Eine Wärmepumpe, die mit heimischem Windstrom läuft, ist von der Straße von Hormus so unabhängig wie von der Wetterlage am Persischen Golf. Ein Elektroauto, das mit Solarstrom vom Dach lädt, kennt keinen Ölpreis. Ein Elektrolyseur, der Abregelungsstrom zu Grenzkosten nahe Null in Wasserstoff umwandelt, braucht kein LNG-Terminal. Biogas bietet eine unabhängige systemische Reserve.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen erneut auf, wie wichtig eine resiliente günstige Versorgung aus erneuerbaren Energien ist und zwar durch die konsequente, intelligentere Nutzung des bereits vorhandenen Systems und einen beschleunigten Ausbau. Durch eine Reihe von Maßnahmen ließe sich das Energiesystem dauerhaft krisenfest machen. Drei seien an dieser Stelle erwähnt.
Kurzfristig: Wenn ein Netzbetreiber einen Windpark abregelt, wird heute die Erzeugung gestoppt – nicht nur die Einspeisung ins Netz. Der Strom, der physisch vor dem Netzverknüpfungspunkt anfällt, darf nicht genutzt werden. Er existiert schlicht nicht. Das ist, als würde man einem Bäcker verbieten, Brot zu backen, weil die Straße zum Supermarkt verstopft ist – obwohl nebenan eine Kantine steht, die das Brot sofort abnehmen würde. Die Lösung: Die Erzeugung läuft weiter, der Anlagenbetreiber kann den Strom frei nutzen: in einem Speicher, einem Elektrolyseur, einer Power-to-Heat-Anlage oder er leitet ihn direkt an einen benachbarten Betrieb.
Mittelfristig: Immer komplexere Systeme benötigen einen digitalen Unterbau. Aber hier hängt Deutschland hinterher. Beispiel: Ohne intelligente Messsysteme gibt es kein Energy Sharing, keine dynamischen Tarife, keine netzdienliche Steuerung. Der Rollout steckt fest: Zum 30. Juni 2025 waren 1,6 Millionen Smart Meter installiert – das sind drei Prozent aller Messstellen. Der Blick nach Österreich zeigt, wie es anders geht. Seit Juli 2021 können dort Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEG) gegründet werden. Die Netzentgelte für lokal geteilten Strom sind um bis zu 57 Prozent reduziert, Mitglieder von EEG-Gemeinschaften sparen bis zu acht Sent pro Kilowattstunde gegenüber dem Normalstrompreis. Über 3.000 Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften wurden schon gegründet – ein funktionierender Markt, kein Pilotprojekt.
Längerfristig: Runter mit der Stromsteuer senken. Hier könnte die Politik ein klares Preissignal für die Elektrifizierung setzen. Die Stromsteuer für private Haushalte beträgt 2,05 Cent pro Kilowattstunde, der EU-Mindestsatz liegt bei 0,1 Cent. Nur für das produzierende Gewerbe und die Land- und Forstwirtschaft ist die Senkung auf das EU-Minimum (0,05 ct/kWh) seit dem Jahr 2026 dauerhaft verstetigt – rund 600.000 Betriebe profitieren davon. Eine Änderung für alle könnte weitreichende Folgen haben, denn: Je günstiger Strom im Verhältnis zu Gas und Öl ist, desto schneller werden Wärmepumpen und E-Autos rentabel.
Wenn durch den Iran-Krieg die Preise für Heizöl um 25 Prozent und für Gas um 35 Prozent steigen, wird deutlich: Wer auf Strom setzt, ist gegen geopolitische Schocks geschützt. Wer bei Gas und Öl bleibt, ist ihnen ausgeliefert. Die Instrumente für eine gelingende Energiewende liegen auf dem Tisch. Jeder Tag, an dem die Maßnahmen nicht umgesetzt werden, kostet uns Geld.
Henrik Wielert ist Referent beim Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen-Bremen