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Energiewende im Norden: Warum Niedersachsen seinen eigenen Weg gehen muss

veröffentlicht am 16.03.2026

Die Energiewende kommt voran – doch das Stromnetz hält oft nicht Schritt. Schon seit Längerem läuft eine Debatte dazu, wie man mit der Herausforderung umgeht, nicht erst seit dem umstrittenen Netzplan von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. 

Schon Wochen zuvor beschäftigte sich ein Strategiepapier aus dem grün geführten Umweltministerium in Schleswig-Holstein mit der Frage. Darin werden zum Beispiel verpflichtende flexible Netzanschlussverträge vorgeschlagen, damit Anlagen in Engpasssituationen abgeregelt werden können, ohne dass der Netzbetreiber vorab zu einem bedingungslosen Netzausbau verpflichtet ist. Weitere Ideen sind die striktere Regulierung von Batteriespeichern und eine Abkehr vom „Windhundprinzip“ bei Netzanschlüssen.

Marie Kollenrott, Grünen-Abgeordnete aus dem niedersächsischen Landtag / Foto: Grüne Fraktion NDS, Ole Spata, Agenda Niedersachsen

Für Marie Kollenrott, energiepolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen Landtag, ist das Strategiepapier aus Kiel ein wichtiger Beitrag zur Debatte. Aber eine einfache Übertragung auf Niedersachsen hält sie für falsch.

Eine interessante Vorlage – aber keine Blaupause

Kollenrott sieht in dem Papier vor allem einen Vorteil: mehr Planungssicherheit für den Umgang mit Netzen und erneuerbaren Energien. „Es ermöglicht mehr Planbarkeit“, sagt sie im Gespräch mit Agenda Niedersachsen. „Und es stellt viel stärker in den Mittelpunkt, wie das Netz für erneuerbare Energien funktionieren kann.“

Das Konzept der sogenannten Klimaneutralitätsnetze soll regionale Besonderheiten stärker berücksichtigen. Statt eines einfachen Stopps beim Ausbau würde stärker auf eine strategische Planung gesetzt – etwa durch flexible Netzanschlüsse, Speicher und eine bessere Steuerung der Netzauslastung.

Das Problem ist: Wir sind einfach 20 Jahre zu spät beim Netz.

Marie Kollenrott

Doch Kollenrott warnt davor, das Modell eins zu eins zu übertragen. Die Rahmenbedingungen seien schlicht zu unterschiedlich. „Es ist nicht einfach so auf Niedersachsen übertragbar, aus ganz verschiedenen Gründen“, sagt sie. Der wichtigste Unterschied: Größe und Struktur des Bundeslandes. „Schleswig-Holstein ist deutlich kleiner“, sagt Kollenrott. „Die Topographie ist eine ganz andere.“ Bedenken müsse man auch die bundesweite Bedeutung des Stroms aus Offshore-Windparks. Ein starres bundesdeutsches Modell könnte Kollenrott zufolge sogar kontraproduktiv wirken, den Ausbau erneuerbarer Energien ausbremsen. In Niedersachsen können wir das nicht wollen, so Kollenrott.

Dennoch gibt es der Grünen-Politikerin zufolge sehr sinnvolle Punkte im Papier aus Schleswig-Holstein, als Beispiel nennt sie den Fokus auf Speicherlösungen. Statt den Ausbau erneuerbarer Energien zu begrenzen, setzt das Konzept darauf, überschüssigen Strom flexibler zu nutzen – etwa durch Batteriespeicher oder andere Formen der Speicherung.

Gerade dort, wo besonders viel erneuerbare Energie erzeugt wird, könnten Speicher helfen, das Netz zu stabilisieren. Gerade Niedersachsen habe dafür grundsätzlich gute Voraussetzungen – etwa durch Kavernenspeicher oder mögliche Großspeicher im Norden.

Kritik am Netzpaket aus Berlin

Das Netzpaket von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht Kollenrott äußerst kritisch. Die geplanten Regelungen setzten an der falschen Stelle an. Statt strukturelle Probleme zu lösen, drohe der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst zu werden. „Da wird versucht, an einer Stelle etwas herunterzufahren, weil man beim Netzausbau in den vergangenen Jahren nicht hinterhergekommen ist. Das Problem ist: Wir sind einfach 20 Jahre zu spät beim Netz.“

Reiche steht mit ihren Plänen schon jetzt auf dem, Abstellgleis, glaubt Kollenrott. Es gebe Widerstand in zahlreichen Ländern, auch in CDU-geführten. Dort sei auch die Notwendigkeit der erneuerbaren Energien erkannt worden.

 LEE sieht Berliner Pläne ebenfalls kritisch

Auch für Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Landesverbands Erneuerbare Energien in Niedersachsen und Bremen, setzt Reiche auf den falschen Hebel. Werden Anlagen ohne Entschädigung abgeschaltet, wie in Reiches Papier vorgesehen, entziehe das den Projekten die wirtschaftliche Basis. Die Folge: Der Ausbau stockt genau dort, wo er am dringendsten gebraucht wird.

Schon im Agenda Niedersachsen-Podcast hatte Heidebroek dafür plädiert, Infrastruktur effizienter zu nutzen und damit die Versorgungssicherheit zu sichern: unter anderem mit Speichern und mehr Flexibilität.