„Das ist einfach ein geiles Projekt!“ So bringt es die Osnabrücker Landtagsabgeordnete Verena Kämmerling im Gespräch mit Agenda Niedersachsen auf den Punkt. Die Rede ist von der geplanten privaten Medizinischen Hochschule in Osnabrück. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter und Landrätin Anna Kebschull hatten die Pläne im Sommer vergangenen Jahres verkündet. Beim Parlamentarischen Abend des Vereins GewiNet (Kompetenzzentrum Gesundheitswirtschaft) aus Osnabrück ist es das Top-Thema auf und abseits der Bühne.
Denn Osnabrück denkt groß, und viele Vertreterrinnen und Vertreter aus Politik und Gesundheitswirtschaft sind überzeugt: Eine neue Medizinische Hochschule vor Ort kann dabei helfen, die Gesundheitsversorgung in der Region zu sichern. Und in der Anpackerregion will man nicht mehr warten, ob in Hannover oder in Berlin etwas passiert. Man will das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen. Das wird an diesem Abend im Alten Rathaus im Herzen der Landeshauptstadt deutlich.
Landtags-Vizepräsidentin Tanja Meyer von den Grünen spricht von einem gelungenen Konzept. Für sie ist das Engagement von Stadt und Landkreis „eine vorbildliche Übernahme von Verantwortung für die Daseinsvorsorge“ in der Region. „Besser kann man’s nicht machen“, sagt sie Agenda Niedersachsen.
Gesundheitswirtschaft: Mehr als nur Versorgung
Der GewiNet-Vorsitzende Michael Böckelmann lenkt den Blick auf eine weitere Dimension: Gesundheit ist nicht nur Daseinsvorsorge, sondern auch ein zentraler Wirtschaftsfaktor. „Gesundheitswirtschaft ist auch etwas ganz anderes. Sie ist ein riesiger Jobmotor und ein Stabilitätsfaktor, wenn andere Branchen in der Krise sind.“
Schon bei der Gründung des Netzwerks sei klar gewesen: Die Branche werde oft nur als Kostenfaktor gesehen. Dabei arbeite etwa jeder fünfte Mensch in Deutschland im weiteren Sinne im Gesundheitswesen. Für Böckelmann ist klar: Gesundheitspolitik ist auch Wirtschaftspolitik.
Ein Gedanke zieht sich durch den gesamten Abend: Regionen sollten nicht nur auf Entscheidungen aus den Hauptstädten in Berlin und Hannover warten. Böckelmann spricht von einer Haltungsfrage. In vielen Organisationen schaue man ständig darauf, welche Reformen und Lösungen aus der Bundespolitik kommen.
Böckelmann, der auch Geschäftsführer der Schüchtermann-Schiller´schen Kliniken ist, stellt auch für sein Unternehmen fest: „Irgendwann haben wir gesagt: Wir hören damit auf. Wir konzentrieren uns auf das, was wir gut können.“ Dieser Perspektivwechsel habe auch einen Stimmungswechsel ausgelöst.
Die Idee einer Medizinischen Hochschule
Malte Stakowski, Erster Kreisrat des Landkreises Osnabrück, schaut beim Thema Medizinische Hochschule stark auf die demografischen Entwicklungen in der Ärzteschaft. „Wir hatten im Jahr 2017 acht freie Arztsitze. Ende 2024 waren es über 20“, berichtet er. Und ein großer Teil der Ärzteschaft nähert sich dem Ruhestand, mehr als ein Drittel sind 60 Jahre oder älter. „Darauf müssen wir vorbereitet sein“, sagt Stakowski.
Zugleich verändert sich das Berufsbild. Viele Ärztinnen und Ärzte wollten heute andere Arbeitsmodelle als frühere Generationen. Teilzeit, Teamarbeit oder Anstellung statt eigener Praxis spielen eine größere Rolle. Die Region müsse daher jetzt handeln, damit die Versorgung in zehn, zwanzig Jahren gesichert bleibe.
Auch Volker Bajus, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Landtag, ist optimistisch. "Es gibt eine Menge Respekt für den Mut, den wir in der Region zeigen", sagt Bajus. In den zuständigen Ministerien gebe es eine hohe Gesprächsbereitschaft bei dem Thema.
„Wir wollen Lebensverhältnisse vor Ort gestalten, das ist auch Kern unserer Aufgabe“, macht Heike Pape deutlich. Auch die Verwaltungsvorständin der Stadt Osnabrück ist an dem Abend nach Hannover gekommen, um für das Projekt zu werben. Sie lobt die gute Zusammenarbeit mit Stadt, Landkreis, Wissenschaft und Kliniken. „Wir sind absolut motiviert, das Projekt umzusetzen.“
Für den Osnabrücker Unternehmer und Investor Jan-Felix Simon hat der Plan eine Strahlkraft weit über die Region hinaus. Es sei auch für Niedersachsen ein wichtiges Projekt. „Wir haben gerade in der Wirtschaft in vielen Branchen ein Nachfrageproblem. Das werden wir mit der Gesundheitswirtschaft niemals haben“, erklärt Simon. Hier werde der Mensch als Arbeitnehmer trotz KI noch im Fokus stehen. Eine Medizinische Hochschule sei eine weitere Initialzündung für die Zukunft.
In Hannover gibt es an diesem Abend nur lobende Stimmen. Ministerpräsident Olaf Lies hat das Projekt auch schon für gut befunden, nur Gesundheitsminister Andreas Philippi schien noch nicht ganz überzeugt. Stimmt nicht, sagt einer der Teilnehmer des Abends. Philippi fände den Plan auch gut. Er habe sich nur „differenziert dazu geäußert“.