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Die Pop-up-Demokratie gefährdet unsere Zukunft

veröffentlicht am 09.02.2026

Gastkommentar von Martin Betzler

Deutschland ist ein Land der Ingenieurinnen und Ingenieure. Es lebt von Planung, Verlässlichkeit und dem Vertrauen darauf, dass Regeln gelten – und eingehalten werden. Genau dieses Fundament gerät jedoch zunehmend ins Wanken. Nicht nur weltweit, sondern auch bei uns vor Ort.

Martin Betzler bei seiner Rede beim Neujahrsempfang der Ingenieurkammer Niedersachsen in Hannover / Foto: Marcus Prell

Die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ist ein hohes Gut. Sie stärkt Akzeptanz und Qualität politischer Entscheidungen. Doch was wir derzeit immer häufiger erleben, ist etwas anderes: eine Pop-up-Demokratie. Bürgerinitiativen entstehen schnell, punktgenau – und oft ausschließlich mit einem Ziel: verhindern.

„Not in my backyard“ heißt diese Haltung. Sie richtet sich gegen Stromtrassen, Straßen, Bahnlinien oder Leitungen – selbst dann, wenn sie für Versorgungssicherheit, Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung dringend gebraucht werden. Infrastruktur bedeutet Veränderung. Wer jede Veränderung blockiert, blockiert am Ende die eigene Zukunft.

Das gilt erst recht angesichts der Verletzbarkeit unserer Systeme. Zuletzt wurde das bei dem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin deutlich. Das Feuer legte große Teile der Stromversorgung im Berliner Südwesten lahm. Solche Ereignisse sind eindeutige Warnsignale, die nach wie vor zu wenige politische Folgen haben. Denn diese Ereignisse machen immer wieder deutlich: Unsere kritische Infrastruktur ist vielerorts auf Kante genäht.

Resilienz muss deshalb zur Leitlinie staatlichen Handelns werden. Nicht erst morgen, sondern am besten schon jetzt. Das bedeutet: mehr Redundanzen, mehr Schutz, mehr Vorsorge. Das kostet Geld – aber fehlende Vorsorge kostet im Ernstfall sehr viel mehr.

Instandhaltung ist keine Nebensache

Zu oft wird Infrastrukturpolitik auf Neubau reduziert. Das greift zu kurz. Sanierung, Modernisierung und die Sicherung von Resilienz bestehender Netze müssen den gleichen Stellenwert bekommen wie neue Projekte. Wartung ist kein Luxus. Sie ist Daseinsvorsorge.

Martin Betzler vor den mehr als 300 Gästen des Neujahrsempfangs der Ingenieurkammer Niedersachsen im HCC Hannover / Foto: Marcus Prell

Brücken, Straßen, Strom- und Datennetze sind das Rückgrat unseres Landes. Wer sie vernachlässigt, gefährdet Mobilität, Versorgung und Wettbewerbsfähigkeit. Sondervermögen können helfen, sie ersetzen aber keine dauerhafte Prioritätensetzung.

Digitalisierung: gut gemeint, weniger gut gemacht

Ein Richtungswechsel ist auch bei der Digitalisierung vonnöten: Die digitale Einreichung von Bauanträgen ist grundsätzlich ein Fortschritt. Niedersachsen ist hier vorangegangen. Doch die Praxis zeigt ein altbekanntes deutsches Problem: Jede Kommune kocht ihr eigenes digitales Süppchen.

Unterschiedliche Systeme, Abläufe und Plattformen führen zu Mehraufwand, Frust und Zeitverlust – genau das Gegenteil dessen, was Digitalisierung leisten soll. Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Wir brauchen einheitliche, verbindliche Standards, die Prozesse wirklich beschleunigen.



Deutschland war stark, weil es gestalten konnte. Weil Entscheidungen getroffen und Projekte umgesetzt wurden. Wenn wir diese Stärke erhalten wollen, müssen wir wieder lernen, Veränderung zuzulassen – und Verantwortung zu übernehmen.

Ingenieurinnen und Ingenieure stehen bereit. Sie planen, sichern, modernisieren. Was sie brauchen, sind klare Rahmenbedingungen, Verlässlichkeit – und den politischen Mut, Zukunft nicht nur zu diskutieren, sondern zu bauen.

Prof. Dr. Martin Betzler ist Hochschulprofessor, Beratender Ingenieur und Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen.