Zurück zur Übersicht

Rollenwechsel: Wenn Belit Onay schärfer formuliert als Jan Fleischhauer

veröffentlicht am 28.01.2026

„Ich verstehe gar nicht, wie man auf so eine Idee kommen kann.“ Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay findet beim Neujahrsempfang der Ingenieurkammer Niedersachsen klare Worte zur Ablehnung des Mercosur-Abkommens im EU-Parlament. Dabei hatten acht Grünen-Abgeordnete zusammen mit Abgeordneten der Linken, des BSW und der AfD für eine Überprüfung des Abkommens durch den Europäischen Gerichtshof gestimmt.

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay beim Neujahrsempfang der Ingenieurkammer Niedersachsen / Foto: Marcus Prell, Ingenieurkammer

„Diese Entscheidung zu Mercosur ist wirklich vollkommen irre“, macht Onay seinem Unmut Luft vor den 350 Gästen im Hannover Congress Zentrum Luft. Und das an einem Tag, an dem Grönland „fast über die Klippe gegangen“ wäre. Mit so einer Entscheidung habe man Bündnispartnern „ins Gesicht gespuckt“.

Das Abkommen sei auch für Hannover wichtig, „mit Blick auf Automobilindustrie, auf den Messestandort.“ Ausgerechnet Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe.

FOCUS-Kolumnist Jan Fleischhauer bei seinem Auftritt in Hannover / Foto: Marcus Prell, Ingenieurkammer

Normalerweise ist Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer derjenige, der Sätze verbal extrem anspitzt. Die Brandmauer sei mit der Mercosur-Entscheidung tot, sagt er. Wenn die Grünen-Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Dröge, im nächsten TV-Interview die Brandmauer hochalte, müsse sie mit „Auslachen nicht unter zwei Stunden“ bestraft werden.

Aber beim Punkt Mercosur ist Onay fast noch stärker in Fahrt. Auch wenn es um die Tempo-Frage beim Bauen von Infrastruktur geht, wird Hannovers grüner Oberbürgermeister deutlich. Die aktuellen Probleme bei Infrastruktur, Planung und Umsetzung seien nicht naturgegeben.

„Wir müssten so nicht sein“

Deutschland, sagt Onay, habe sich Verfahren geschaffen, die extrem aufwendig seien – im europäischen Vergleich. „Wir müssten nicht so sein“, sagt Onay sinngemäß – und verweist auf andere europäische Länder, in denen Beteiligung und Tempo kein Widerspruch seien. Es gehe nicht um autoritäre Durchsetzung, sondern um handlungsfähige Demokratie.

Fleischhauer hört aufmerksam zu – und setzt an einem anderen Punkt an. Für ihn liegt das Problem tiefer. Nicht nur in der Umsetzung, sondern im Denken selbst. „Wir haben doch eigentlich kein Erkenntnisproblem“, sagt Moderator Martin Brüning an Fleischhauer gerichtet und dieser antwortet: „Ich würde da widersprechen. Wir haben nicht nur ein Umsetzungsproblem, wir haben schon auch ein Erkenntnisproblem“. Als Beispiel schaut er auf den Zeitraum, als Russland die Ukraine angriff und in Deutschland sowohl Kernkraftwerke stillgelegt und der Kohleausstieg vollzogen wurde.

Zu wenig Technik, zu viel Haltung

Fleischhauer sieht das Problem grundsätzlich. In Politik, Medien und Gesellschaft fehle es an technischem Verständnis, an Ingenieursdenken, an nüchterner Problemlösung. Natur- und Ingenieurwissenschaften spielten in den Lebensläufen vieler Entscheider kaum noch eine Rolle.

Onay meint dagegen, es gebe nicht „die Politik“ – man könne von der Russlandabhängig vergangener Jahre zu autarker Energieversorgung keinen Schalter umlegen. Energiewende und Wärmewende seien ein wichtiger Schritt zu mehr Unabhängigkeit kritischer Infrastruktur. Es habe in Bundesregierungen in der Tat in dieser Frage Erkenntnisprobleme in den Jahrzehnten vor dem Angriff gegeben. Und er warnt vor falschen Erwartungen: „Wir können kein Kernkraftwerk wieder anfahren, wenn wir es gerade brauchen und wieder herunterfahren, wenn wir es nicht brauchen. Bei Kernkraftwerken geht keine On-Off-Beziehung.“

Der Talk beim Neujahrsempfang der Ingenieurkammer mit Belit Onay, Jan Fleischhauer und Moderator Martin Brüning (v.l.n.r.) / Foto: Marcus Prell, Ingenieurkammer

Der Neujahrsempfang der Ingenieurkammer Niedersachsen wird in diesem Talk nicht zur Wohlfühlveranstaltung. Auch beim Thema Verkehrswende. Fleischhauer stellt als Gast in der niedersächsischen Landeshauptstadt fest: „So ganz autofrei ist die City ja nicht. Offensichtlich kann der Bürgermeister nicht alles entscheiden. Es sind Grenzen gesetzt, was Utopien angeht", stichelt der FOCUS-Kolumnist. Und verweist darauf, dass er privat einfach Autos mag. „Ich habe einen 12-Zylinder zu Hause.“

Fleischhauer fährt zuhause seinen 12-Zylinder

Onay wiederum wünscht sich eine Verkehrspolitik „ohne Ideologie, dafür mit Pragmatismus.“ In Rankings, in denen es um das Wohlbefinden in Städten gehe, rutsche das Auto weit nach hinten. Dann seien die Bürgerinnen und Bürger doch lieber zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV unterwegs. Und wer nun doch das Auto nutzen möchte, soll das doch am besten elektrisch tun. „Wir haben in Hannover die beste E-Ladeinfrastruktur deutschlandweit“, wirbt Onay. Für Fleischhauers 12-Zylinder wird das eher unerheblich sein.