Auf der Milch im Kühlschrank muss handschriftlich ein Datum vermerkt sein. So steht es in der Vorschrift. Beim letzten Kontrollgang im Haus der Medien in Hannover wurde Philipp von Trotha darauf hingewiesen: Wer die geöffnete Milch abends in den Kühlschrank stellt, muss notieren, wann er sie aufgemacht hat. „Hier arbeiten fünf, zehn Menschen, da regelt das doch der gesunde Menschenverstand“, wundert sich der Geschäftsführer des Verbands Druck und Medien Nordost (VDMNO).
Für ihn zeigt die Milchdose im Kleinen, was im Großen schiefläuft. Im Podcast von Agenda Niedersachsen macht er deshalb einen Vorschlag, der weit über die üblichen Forderungen hinausgeht.
Für jedes neue Gesetz zwei alte abschaffen? Das reicht von Trotha nicht. „Eigentlich müssten wir alle neuen Regeln der letzten zehn oder zwanzig Jahre einfach streichen. Komplett“, sagt er. Er räumt ein, das sei vielleicht ein bisschen zu radikal. Aber nur so komme das Land aus dem Kreislauf heraus. „Nur so ein bisschen Make-up beim Bürokratieabbau, das wird auf gar keinen Fall funktionieren“, meint er.
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Dahinter steht eine Haltung. Der Staat traue Unternehmern immer weniger. Dabei hätten auch sie Familien und wollten eine gute Zukunft – für sich und ihre Mitarbeitenden. „Wir müssen wegkommen von diesem Misstrauen, alles regeln zu müssen.“
Den Hinweis auf Regelungen aus Berlin oder Brüssel lässt von Trotha nicht gelten. Die Länder säßen im Bundesrat mit am Tisch, die Regierungschefs in Brüssel beisammen. In der Corona-Zeit seien Regeln über Nacht außer Kraft gesetzt worden. Und auch neue Finanzierungsmöglichkeiten in großer Höhe seien von heute auf morgen beschlossen worden. „Wenn der Wille da ist, dann ist auch alles möglich.“
Das aktuelle Branchenbarometer des VDMNO zeigt: Bürokratie und Berichtspflichten sind die größten Schmerzpunkte der Betriebe. Besonders hart trifft es Unternehmen zwischen 50 und 250 Mitarbeitenden. Konzerne haben Rechts- und Compliance-Abteilungen. In einem Betrieb mit 50 Menschen „muss am Ende der Chef das selber machen“, sagt von Trotha. Diese Zeit fehle dann für die eigentliche Arbeit.
Trotzdem zeigt die Umfrage etwas Überraschendes. 40 Prozent der Betriebe erwarten eine wirtschaftliche Verschlechterung. Dennoch wollen fast drei Viertel weiter investieren. Man investiere nicht wegen der Rahmenbedingungen, sondern trotz der Rahmenbedingungen, sagt von Trotha. Die Branche warte nicht darauf, dass die Politik ihre Probleme löst. Unternehmen heiße eben, etwas zu unternehmen, ohne zu wissen, wie es ausgeht. Davon könnten sich auch Politiker etwas abschneiden.
Warum der Mittelstand bleibt
Ein Grund für die Treue zum Standort ist handfest. Ein Mittelständler kann seine Produktion nicht einfach ins Ausland verlagern wie ein Konzern. „Der Mittelständler will in Deutschland - im Harz, in Osnabrück, in Hannover - produzieren.“ Von Trotha war selbst Unternehmer. Er wollte morgens vom Schreibtisch in die Produktion gehen, die Stimmung spüren, dem Team Hallo sagen.
Mittelständische Betriebe seien vor Ort verankert. „Sie sponsern den Fußballverein, helfen im Kindergarten und im Altersheim. Manche sind in der achten Generation am Markt.“ Diesen Einsatz sollten Gesellschaft und Politik stärker anerkennen, findet von Trotha – statt vom Bild der bösen Wirtschaft auszugehen, der es nur um Profit geht.
Auch beim Thema Energie sieht der Verbandschef eine Schieflage. Viele Druckereien hätten in den vergangenen zehn Jahren ihre Prozesse effizienter gemacht und zum Beispiel auch Solaranlagen aufs Dach gesetzt. Genau das falle ihnen jetzt auf die Füße. Entlastung über die KUEBLL-Liste bekommt nur, wer besonders viel Energie verbraucht. Wer gespart hat, fällt heraus.
Dem VDMNO geht es nicht in erster Linie um einen Platz auf der Liste. Der Verband fordert bezahlbaren Strom für alle – für Privathaushalte wie für Betriebe. Ansetzen soll der Staat bei den Abgaben, die er selbst auf den Strompreis draufsetzt.
Print hat Zukunft!
Auch ein Ergebnis des Branchenbarometers: Bei fast jedem zweiten Betrieb mit 10 bis 49 Mitarbeitenden ist die Nachfolge ungeklärt. Von Trotha erwartet, dass sich die Branche weiter konsolidiert. Er wünscht sich trotzdem neben den großen Playern die kleine „Boutique-Druckerei“ mit speziellen Produkten.
Die These, dass Print einen weiteren Niedergang erleben wird, hält er für falsch. Print stecke in Verpackungen, in Etiketten auf jeder Zahnpasta, in Büchern und Magazinen. Dazu kommt ein Wachstumsmarkt: Printed Electronics. Gedruckte Technik steckt etwa in Sitzheizungen und beheizbaren Autoscheiben. Genau das hat von Trotha einst aus der Autoindustrie zum Verband gelockt. Seine Botschaft: Digital und Print zusammen denken. Viele Printprodukte gäbe es ohne Digitalisierung gar nicht.
Und was wünscht er sich vom Branchenbarometer 2027? Dass Bürokratie nicht mehr Schmerzpunkt Nummer eins ist. Und dass die Betriebe wieder zuversichtlicher nach vorn schauen.