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Zwischen Unsicherheit und Verantwortung: Warum Wirtschaft jetzt Orientierung geben muss

veröffentlicht am 13.01.2026

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies beginnt seine Rede mit einer ungewöhnlich offenen Erwartung, die man bei Neujahrsempfängen nur ungern ausspricht: 2026 werde kein leichtes Jahr. „Es wird ein schweres Jahr. Es wird ein hartes Jahr.“ So sagt er es vor den über 600 Gästen im Kuppelsaal in Hannover.

Hannover versinkt in diesen Tagen im Schnee: Über 600 Gäste kämpfen sich zum Auftakt der IHK Hannover durch die Schneemassen und auch noch Nieselregen in den Kuppelsaal / Foto: Stefan Finger, IHK Hannover

In diesem Jahr sind weniger Zuschauerinnen und Zuschauer zum traditionellen Auftakt der IHK Hannover gekommen. Das liegt aber nicht an der Wirtschaftskrise, sondern schlicht am Wetter. Hannover liegt unter einer tiefen Schneedecke, für den Morgen haben Meteorologen auch noch Nieselregen vorhergesagt, der die gefroreren Böden schnell in gefährliche Eisflächen verwandeln könnte. Landesweit fällt an diesem Tag in Niedersachsen die Schule aus.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies beim Auftakt 2026 der IHK Hannover / Foto: Stefan Finger, IHK Hannover

Die Gäste, die es in den Kuppelsaal geschafft haben, hören von Lies kein Beschönigen der Wirtschaftslage und keine Durchhalteappell. Stattdessen den klaren Hinweis: Die Summe der Krisen sei neu – in ihrer Länge, in ihrer Gleichzeitigkeit und in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Lies sieht eine Gefahr für die Demokratie

Krieg in Europa, geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten, Energiepreise, wachsender Druck auf Unternehmen – all das wirke nicht nur wirtschaftlich, sondern gesellschaftlich. Lies beschreibt eine Verunsicherung, die tiefer reicht als Konjunkturindikatoren: „Das macht etwas mit unserer Gesellschaft.“ Wenn Orientierung fehle, wachse die Sehnsucht nach einfachen Antworten – und nach vermeintlich starken Figuren. Genau darin sieht Lies eine Gefahr für die Demokratie.

Sein Gegenentwurf ist klar: Die Demokratie braucht die Wirtschaft – und die Wirtschaft braucht Vertrauen. Eine funktionierende Wirtschaft sei Voraussetzung dafür, soziale Sicherheit, Integration, Infrastruktur und gesellschaftlichen Zusammenhalt überhaupt organisieren zu können. „Wirtschaft ist viel mehr als nur Wertschöpfung“, sagt Lies. Sie sei „gesellschaftlicher Kitt“.

Kritik übt der Ministerpräsident dabei nicht nur an äußeren Umständen, sondern auch an politischen Abläufen. Lange Planungs- und Genehmigungszeiten, Bürokratie, mangelnde Digitalisierung – all das frustriere Unternehmen ebenso wie Bürgerinnen und Bürger. Besonders deutlich wird er beim Blick nach Berlin. Wenn politische Akteure vor allem Unterschiede öffentlich ausstellten, statt Lösungen gemeinsam voranzubringen, entstehe der Eindruck von Handlungsunfähigkeit. „Die Menschen erwarten von uns Lösungen, die am Ende auch umgesetzt werden.“

Es wird ein schweres Jahr. Es wird ein hartes Jahr.

Olaf Lies

Gleichzeitig verteidigt Lies die Bundesregierung gegen eine pauschale Abwertung. Sie arbeite unter enormem Druck und bemühe sich um Lösungen. Aber die Zeiten seien nicht „wie immer“ – und verlangten neue Formen der Zusammenarbeit, mehr Konzentration auf das Gemeinsame und weniger Inszenierung von Differenzen.

Gerhard Oppermann: Klartext aus der Wirtschaft

Zuvor hat bereits IHK-Präsident Gerhard Oppermann ein schonungsloses Bild der wirtschaftlichen Lage gezeichnet: „Das ist kein kleiner Schnupfen mehr. Das ist mittlerweile eine veritable Grippe.“

Drei Jahre Rezession, rückläufige Industrieumsätze, erste Risse am Arbeitsmarkt – für Oppermann ist die Diagnose eindeutig. Besonders die Chemie- und Grundstoffindustrie verliere Monat für Monat tausende Arbeitsplätze. Was ihn dabei umtreibt: „Die Politik reagiert nur, sie gestaltet nicht.“

Sein Appell an die Politik, vor allem im Bund, ist unmissverständlich: „Fangen Sie an, unser Land zu reformieren. Heute, jetzt, sofort.“ Nicht erst nach weiteren Gesprächsrunden, nicht irgendwann. Andernfalls drohe Deutschland, „zum Industriemuseum Europas“ zu werden.

Ein zentrales Hindernis sieht Oppermann in der Bürokratie. Dokumentationspflichten, Formulare, Detailvorgaben – vieles davon binde Ressourcen, ohne Mehrwert zu schaffen. „Niemand von uns will mehr handgeschriebene Listen anfertigen, Dinge dokumentieren, die dann am Ende des Tages in irgendwelchen Schubladen versinken.“

Was er stattdessen fordert, ist ein Kulturwandel: weg vom Misstrauen, hin zu Verantwortung. Entscheidungen sollten denen überlassen werden, die investieren und Arbeitsplätze sichern. Vertrauen sei kein Risiko, sondern Voraussetzung für Wachstum.

Fangen Sie an, unser Land zu reformieren. Heute, jetzt, sofort.

Gerhard Oppermann

Aus dieser Haltung entwickelt Oppermann seinen Ausblick: „Lassen Sie uns 2026 zu einem Jahr des gegenseitigen Vertrauens machen.“ Zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Unternehmen wollten keinen Schaden anrichten, sondern nachhaltig wirtschaften – mit motivierten Mitarbeitenden und verlässlichen Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig weitet er den Blick auf die sicherheitspolitische Lage. „Europa befindet sich nicht mehr im Frieden. Wir leben in einem hybriden Krieg.“ Sabotage, Cyberangriffe, Spionage – das alles sei längst Realität. Die Konsequenz: Resilienz werde zur Führungsaufgabe. Unternehmen müssten sich fragen, wie sie handlungsfähig bleiben – auch bei Stromausfällen, gestörten Lieferketten oder eingeschränkter Mobilität. Der Staat allein könne diese Aufgaben nicht schultern.

IHK-Präsident Gerhard Oppermann beim Auftakt 2026 der IHK Hannover / Foto: Stefan Finger, IHK Hannover

So unterschiedlich die Rollen von Olaf Lies und Gerhard Oppermann sind – in einem Punkt treffen sich ihre Botschaften: Wirtschaftspolitik ist Gesellschaftspolitik. Ohne Vertrauen, ohne Handlungsfähigkeit und ohne den Mut zu Reformen gerät nicht nur der Standort unter Druck, sondern auch der gesellschaftliche Zusammenhalt.

Der Ton beider Reden ist ernst, aber nicht resigniert. Es ist ein gemeinsamer Weckruf – aus Politik und Wirtschaft. Ehrlich, unbequem und getragen von der Überzeugung, dass es weiter möglich ist, die Zukunft positiv zu gestalten.