In der Debatte um Wohnungsbau und Infrastruktur geht es oft um Zahlen: zu wenig Wohnungen, zu hohe Kosten, zu lange Verfahren. Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen, lenkt den Blick auf etwas Grundsätzlicheres: Wie bauen wir überhaupt – und warum so kompliziert? „Wir müssen wieder lernen, einfacher zu bauen“, sagt er bei der Vertreterversammlung der Kammer. Und er liefert Beispiele, die klarmachen, wie dringend dieser Perspektivwechsel ist.
Eine seiner Kernbeobachtungen trifft einen wunden Punkt: Die Wohnfläche pro Kopf nimmt seit Jahren zu. Aber: Menschen leben nicht besser, nur weil sie in größeren Wohnungen leben. Betzler verweist auf Daten, die zeigen, dass Zufriedenheit ab rund 40 Quadratmetern pro Kopf kaum mehr steigt. „Ob sie dann 50 oder 60 oder 70 haben, das macht gar keinen Unterschied mehr.“
Wohnraumkrise: Größe macht nicht glücklich – aber vieles teurer
Für Betzler ist klar: Die Zukunft des Wohnens liegt nicht im Immer-Größer, sondern im klugen Umgang mit Raum. Bei der Versammlung zeigt er drastische Beispiele aus der Praxis: übermäßig dimensionierte Decken, komplizierte Grundrisse, Tragwerkskonstruktionen am Rand des Machbaren.
Ein Fall bleibt besonders hängen: eine 1,40 Meter dicke Stahlbetondecke, nötig geworden durch unpassende Grundrisse und punktuell belastete Stützen. Sein Kommentar: „Da muss ich sagen: Muss das sein? Ist das heute noch zeitgemäß, auch in Bezug auf die CO₂-Belastung?“
Ein anderes Beispiel zeigt ein Hamburger Gebäude, dessen zurückspringende Staffelgeschosse zu massiven Rissbildungen führten. Seine Diagnose: Zu kompliziertes Bauen erhöht das Risiko – technisch, finanziell, ökologisch.
70 Prozent der Neubauten werden teurer als geplant
Besonders eindrücklich ist Betzlers Verweis auf eine Zahl, die jede Familie, die bauen möchte, betrifft: „70 Prozent überschreiten das geplante Budget. Für viele bedeute das Nachfinanzierungen oder die Gefahr, sich langfristig zu überlasten. Betzler sieht darin ein systemisches Problem: Bauen ist zu unberechenbar geworden.
Was ist zu tun? Neue Wohnungen allein reichen nicht. Betzler zeigt Wege auf, die schneller und klimafreundlicher zum Ziel führen: So ließe sich zum Beispiel mit einer Umnutzung von Bürogebäuden Wohnraum gewinnen. Auch andere Möglichkeiten gibt es bereits: modulare Bauweisen, Holz-Hybrid-Konstruktionen, serielle Lösungen. Sie funktionieren aber nur, wenn man die Grundrisse vereinfacht und Wiederholungen zulässt.
Was Betzler, der sich als Hochschulprofessor auch stark für die MINT-Bildung von Grundschülerinnen und -schülern engagiert, am Ende fordert: Verantwortung. Dazu gehört, bedarfsgerecht zu planen, weniger Fläche zu verbrauchen sowie flexibler und vorausschauender zu bauen. Am Ende macht Betzler deutlich, worum es dabei auch geht: „Damit wir unseren nachfolgenden Generationen eine schöne Welt übergeben können.“