„Wenn es nur noch darum geht, Referenzen zu zählen: Wie sollen dann die neuen Architekturbüros erfolgreich werden können?“ Robert Marlow stellt diese Frage vor Landtagsabgeordneten beim Parlamentarischen Abend der Architektenkammer Niedersachsen, deren Präsident er ist. „Faire Chancen“, das ist an diesem Abend ein ganz wichtiges Thema. Es geht um junge Büros. Aber es geht auch um mehr: um die Zukunft einer Planungslandschaft, die in Niedersachsen mittelständisch geprägt ist.
Dabei ist Marlows Rede keine der typischen Klagereden aus der Wirtschaft. Auf die Frage nach der Lage antwortet er mit zwei Wörtern: „Einerseits. Andererseits.“
Die Lage: Bisher noch besser als gedacht, Ausblick nicht ganz so gut
Die Konjunkturumfrage der Bundesarchitektenkammer vom Mai und Juni 2026 zeigt beide Seiten. 45 Prozent der Büros nennen ihre Geschäftslage gut oder sehr gut. Nur 22 Prozent bezeichnen sie als schlecht. Aber: Für die kommenden sechs bis zwölf Monate erwartet nur ein Fünftel eine Besserung. 35 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Die Gründe sind die Krise im Wohnungsbau, die schwache Konjunktur und Kommunen, denen das Geld fehlt.
Zugleich lobt Marlow, was das Land Niedersachsen angestoßen hat. Dazu zählt die neue Bauordnung mit Erleichterungen für das Bauen im Bestand. Dazu zählt auch der Niedersächsische Weg. Solche Ansätze könnten zum „Gamechanger“ werden. Ihre volle Wirkung entfalten sie aber erst, wenn auch wieder mehr gebaut wird.
Was gut läuft, zählt Marlow ausdrücklich auf. Die Hochschulen in Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Osnabrück, Hildesheim und Buxtehude bildeten hervorragend aus. Seit Einführung der Juniormitgliedschaft vor fünf Jahren hat die Kammer über 650 Juniormitglieder aufgenommen. Und es sind viele starke neue Büros entstanden.
Ob sie bestehen können, bezweifelt Marlow trotzdem: „Nicht, weil es ihnen an Qualität oder Engagement fehlen würde, ganz im Gegenteil, sondern weil sich die Rahmenbedingungen spürbar verändern.“
Ein Grund dafür liegt in den Rathäusern. Vielen Kommunen fehlt Personal, um große Bauprojekte selbst zu vergeben und zu steuern. Sie greifen deshalb öfter zu Totalunternehmern, die Planung und Bau aus einer Hand liefern. Marlow verteufelt das nicht: „Ich möchte ausdrücklich sagen: Diese Verfahren sind nicht grundsätzlich falsch.“ Seine Frage lautet: „Bleibt daneben genügend Raum für andere Verfahren?“
Denn große Investoren und Baukonzerne arbeiten am liebsten mit Büros, die sie kennen. Junge und kleine Büros kommen so kaum an große Projekte. Marlow warnt: Wenn nur noch wenige große Akteure Zugang haben, verliere der Berufsstand, was ihn stark macht: „Vielfalt, Innovation und den Wettbewerb um die beste Lösung.“
Von Rückendeckung der Politik für Baukultur kann man beim geplanten Denkmalschutzgesetz nun wirklich nicht sprechen. Schade.
Robert Marlow
Seine Antwort: Die neuen Vergabemodelle dürfen „nicht zum alleinigen Regelfall werden“. Es brauche weiter direkt beauftragte Architekten, eine Vergabe nach Gewerken und Bauherren, die gemeinsam mit ihren Planern nachhaltig bauen wollen. Dazu gehören Architektenwettbewerbe. Sie seien „keineswegs ein Instrument von gestern“, sagt Marlow. Sie sorgten für Transparenz und Qualität und gäben jungen Büros eine Chance. Land und Kommunen sollten mit gutem Beispiel vorangehen.
Kritik an Denkmalschutz-Plänen
Am deutlichsten wird Marlow beim Denkmalschutz. Das Land überarbeitet gerade das Gesetz. Seine Zusammenfassung: „Der Denkmalschutz soll zurückgedrängt werden.“ Gleichzeitig werde die Fachkompetenz des Landesamtes geschwächt. „Von Rückendeckung der Politik für Baukultur kann man an dieser (Bau-)Stelle nun wirklich nicht sprechen. Schade.“
Gerade kleine Kommunen mit wenig Personal benötigten die Fachleute des Landesamtes. Marlow bittet die Abgeordneten, die Stellungnahme der Kammer ernst zu nehmen: „Alles kann sich verändern, aber bitte mit Maß und Mitte.“
HOAI: Appell an die Landesregierung
Auch bei der Honorarordnung HOAI wird Marlow deutlich. Ein unabhängiges Gutachten habe den Anpassungsbedarf wissenschaftlich belegt. Jetzt drohe, so wörtlich, „ein Kuhhandel“: Die Politik wolle die Erhöhungen im Interesse der öffentlichen Auftraggeber pauschal deckeln. „So kann es nicht gehen!“ Sein Appell an die Landesregierung: „Bleiben Sie auf der gutachtenbezogenen Linie und unterstützen Sie die Novellierung – ohne prozentuale Kürzungen."
Beim Vergaberecht fällt die Bilanz versöhnlicher aus. Im nationalen Recht bleibt die Vergabe in Teillosen wichtig, wenn auch nicht so stark wie gefordert. „Aber es ist ein guter Kompromiss“, sagt Marlow. Zwischenzeitlich hätte der Grundsatz deutlich stärker aufgeweicht werden können.
Jetzt richtet sich der Blick nach Brüssel. Die EU-Kommission hat am 9. September den Entwurf einer einheitlichen Vergabeverordnung vorgelegt. Er erlaubt den Mitgliedstaaten, den Vorrang der Losvergabe festzuschreiben. Das Land stehe hier an der Seite der Kammer, berichtet Marlow. Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne habe ihm schriftlich seine Unterstützung zugesichert. Auch der niedersächsische Wirtschaftsminister hat großes Interesse daran, dass der Mittelstand nicht auf der Strecke bleibt.
Marlows Fazit: Einerseits, andererseits. Einerseits gebe es große Herausforderungen. Andererseits gebe es gut ausgebildeten Nachwuchs, starke Büros und eine Baukultur, auf die Niedersachsen stolz sein könne. Wenn Politik, Verwaltung und Berufsstand partnerschaftlich zusammenarbeiten, ist er überzeugt, „dass wir die richtigen Antworten auf die anstehenden Aufgaben finden werden“.