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Kürzung bei Integrationskursen: Experten warnen vor Folgen für Rente und Fachkräftemangel

veröffentlicht am 22.09.2026

Vor 65 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen. In Hannover wurde bei einer Veranstaltung daran erinnert. Und zugleich bleibt das Thema Integration auch 65 Jahre später auf der Tagesordnung. Experten halten eine Kürzung der Mittel für Integrationskurse für ein vollkommen falsches Signal. Denn Deutschland wird weiterhin Fachkräfte aus dem Ausland benötigen.

"65 Jahre Anwerbeabkommen": Alpetkin Kirci (4.v.l.) organisierte dazu eine große Veranstaltung in Hannover - unter anderem mit dabei: MInisterpräsident Olaf Lies, der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu und der türkische Generalkonsul Yusuf Arikan / Foto: Büro Karaahmetoğlu

Maximilian Schmidt, Geschäftsführer der Bildungsorganisation Arbeit und Leben in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt – getragen vom Deutschen Gewerkschaftsbund – kann über den Kurs der Berliner Politik nur den Kopf schütteln. „Das ist volkswirtschaftlich nicht sehr intelligent, was da gerade passiert", sagt Schmidt im Agenda Niedersachsen-Interview.

Sein Argument: In den kommenden zehn Jahren gehen in Deutschland sieben bis zehn Millionen Menschen in Rente, ohne dass in gleichem Umfang Nachwuchs nachrückt. Um das Arbeitskräftepotenzial zu erhalten, brauche es jährlich rund 400.000 Zuwanderer – und die könnten nur dann arbeiten, Steuern und Sozialabgaben zahlen, wenn sie zuvor Deutsch gelernt hätten. Ausgerechnet dort zu kürzen, wo Integration beginnt, sei „kein gutes Signal" für ein Einwanderungsland, das Deutschland bleiben müsse. Rund 1,06 Milliarden Euro stelle der Bund derzeit für Integrationskurse bereit – ein aus Schmidts Sicht eher kleiner Posten im Bundeshaushalt – aber ein Posten mit großer Wirkung.

Talkrunde bei der Veranstaltung in Hannover - rechts im Bild: Maximilian Schmidt von Arbeit und Leben / Foto: Büro Karaahmetoğlu

Auch für den SPD-Bundestagsabgeordneten Macit Karaahmetoğlu, Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft, steht fest: Deutschland wird weiterhin Arbeitskräfte aus anderen Ländern benötigen. Der entscheidende Unterschied zur Situation vor 65 Jahren: Damals habe Deutschland vor allem ungelernte Hilfsarbeiter gesucht, heute gehe es um Fachkräfte – Ingenieure, Programmierer, Ärztinnen und Ärzte.

Der Bedarf an Zuwanderung sei geblieben, nur das Anforderungsprofil habe sich verändert: „Wir brauchen aber vor allem eben qualifizierte Zuwanderung", sagt Karaahmetoğlu. Zugleich widerspricht er der von der AfD verbreiteten These, die Sozialsysteme kämen rechnerisch auch ohne Zuwanderung aus. Wer sich an Fakten statt an Ideologie orientiere, komme zu einem anderen Schluss.

Sein zentrales Argument: Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind im Schnitt fast zehn Jahre jünger als die Gesamtbevölkerung – und damit für die umlagefinanzierten Sozialsysteme ein rechnerisches Plus, solange sie erwerbstätig sind. Einen Beleg dafür sieht er bereits in der Geschichte der ersten Gastarbeitergeneration: Viele kehrten nach Jahren in Deutschland in ihre Heimat zurück und erhielten dabei nur die selbst eingezahlten Rentenbeiträge zurück. Die Arbeitgeberanteile verblieben in den deutschen Sozialkassen. „Damals wurden schon Milliarden gespart", sagt Karaahmetoğlu. Der heutige Wohlstand Deutschlands beruhe auf einer hohen Erwerbstätigenquote – und die lasse sich nur mit Zuwanderung halten.

Eine Politik der Abschottung ist am Ende eine Politik der Verarmung.

Maximilian Schmidt

Auch Schmidt hält der Vorstellung, man könne fehlende Arbeitskräfte künftig durch Künstliche Intelligenz ersetzen, entgegen, dass gerade in der Pflege und in vielen weniger gefragten Berufen Menschen unersetzlich blieben. Eine Politik der Abschottung, wie sie insbesondere die AfD vertrete, sei am Ende „eine Politik der Verarmung". International zeige sich: Wirtschaftlich stark seien jene europäischen Länder, die auf Einwanderung setzten – und die zugleich in Integration investierten, statt sie zu verwalten.

Macit Karaahmetoğlu im Agenda Niedersachsen-Interview / Foto: Büro Karaahmetoğlu

Schmidt und Karaahmetoğlu nahmen in Hannover an der Veranstaltung „65 Jahre gemeinsam in Niedersachsen" teil, die dr Regionalleiter der Deutschen Atlantischen Gesellschaft Alptekin Kirci, organisiert hatte. Dabei erinnerte Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies n die Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens 1961 in Bad Godesberg und daran, dass bis zum Anwerbestopp 1973 rund 70.000 Menschen aus der Türkei nach Niedersachsen kamen. Ende 2025 lebten den Angaben zufolge knapp 95.000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit im Land.

Lies‘ Zahlen machten deutlich, welcher Aderlass Deutschland auf dem Arbeitsmarkt bevorsteht, wenn die Boomer-Generation in Rente geht. Bis Mitte der 2030er-Jahre scheiden demnach rund 800.000 Menschen in Niedersachsen aus dem Arbeitsmarkt aus – eine Zahl, die die Warnungen von Schmidt und Karaahmetoğlu unmittelbar unterlegte.